Scheitern

Ich versuche seit Tagen, euch diese Geschichte zu erzählen. Aber es ist schwierig, weil ich selber nicht genau weiß, was passiert ist. Je nachdem, was die wahren Hintergründe sind, hab ich mich als in eine Situation eingemischt, die mich nichts angeht – oder ich bin dran gescheitert, einen Akt häuslicher Gewalt zu verhindern. Beides hinterlässt einen bitteren Geschmack, aber mir wäre ersteres natürlich um unendlich, unendlich viel lieber.
Die Versuchung ist groß, die Story gar nicht zu erzählen – sie ist nicht amüsant, sie ist nicht erbaulich, ich bin profund unsicher, ob ich mich anders verhalten hätte sollen. Aber obwohl es in meinem Leben viel gibt, was ich hier nicht öffentlich ausbreite – irgendwie würde es sich eigenartig unehrlich anfühlen, diese Geschichte hier nicht zue rwähnen. Ich hab den Verdacht, dass es daran liegt, dass sie sich wie ein Versagen anfühlt – und wenn ich anfange, solche Dinge zu verschweigen, dann kann ich gleich auch nur noch Kätzchenfotos posten auch.

Also.

Es ist etwa neun Uhr Abends, ich steige vor meiner Wohnung aus der Straßenbahn aus – und bemerke aus den Augenwinkeln ein Pärchen. Sie mit dem Rücken zur Wand, er direkt vor ihr, berührt sie, küsst sie. Aber irgendetwas stimmt nicht, ihre Körperhaltung ist falsch. Entweder sie ist betrunken, oder – nicht unbedingt freiwillig dabei? Aber sie kämpft nicht. Doch eher betrunken, ihr Freund hält sie aufrecht? Aber…

Ich kann die Situation nicht einschätzen, bleibe also halb verborgen von der Haltestellen stehen und behalte die zwei im Auge. Sie wirkt nüchtern, aber zutiefst unglücklich, redet mit gebrochener Stimme in einer Sprache, die ich auf die Entfernung nicht ganz identifizieren kann – Spanisch? Portugiesisch?

Sie will ihn von sich wegschieben, er lässt sie nicht. Sie hebt die Hände vor die Brust, abwehrend, reißt sich von ihm los, stürzt über die Straße. Er hinter ihr her, packt sie im Nacken. Sie schreit kurz auf, er hält sie. Er legt einen Arm um ihre Schultern, beginnt, sie im erhöhten Schrittempo davonzuführen.

Das ist der Moment, in dem ich nicht mehr einfach nur zuschauen kann. Ich gehe auf sie zu.

„Entschuldigen Sie“, sage ich: „Aber ich hätte jetzt bitte gerne eine Bestätigung, dass die Dame freiwillig mit ihnen mitgeht.“

„Mischen Sie sich nicht ein“, faucht er. Ein Akzent – Spanisch? Ich kann mich nicht daran erinnern, wann mich das letzte Mal jemand so kalt angeschaut hat. Nicht zornig, nicht außer Kontrolle: kalt.

Ich: „Die Dame hat gerade geschrien, wollte flüchten und Sie halten sie jetzt körperlich fest. Ich will jetzt eine Bestätigung von ihr, dass es ihr gut geht.“

Er: „Sie kennen die Situation doch gar nicht!“

Ich: „Eben, die kenne ich nicht. Und genau deshalb kann ich nur auf das reagieren, was ich gerade gesehen hab. Ich will jetzt mit ihr reden.“

Er will sie an mir vorbeizerren. Ich versperre ihnen körperlich den Weg.

Das ist das erste Mal, dass sie mich anschaut: „It’s okay“, sagt sie mit zitternder Stimme und ich sehe, dass ihr Mascara tränenverschmiert ist, Spuren bis zu Kinn hinterlassen hat: „It’s really okay. He’s my boyfriend.“

Und das ist der Punkt, wo ich nicht mehr weiterweiß. In meinen Phantasien – die, die mich jetzt seit Tagen plagen, in denen ich die Situation wieder und wieder durchspiele wie eine besonders deprimierende Computersimulation – halte ich ihr an dieser Stelle einen überzeugenden Vortrag darüber, dass das keinen Unterschied macht. Dass er trotzdem nicht das Recht hat, sie so anzugreifen, ihr Angst zu machen. In meinen Phantasien dreht sich um und scheuert ihm eine. In meinen Phantasien ignoriere ich ihr ‚It’s okay‘ und zerre sie im Notfall gegen ihren Willen in ein Frauenhaus. In meinen Phantasien rufe ich die Polizei und die reagieren mit einem enthusiastischen: „Natürlich, natürlich, wir haben grad eine Snipereinheit in der Nähe, die sollen sich um den Knaben kümmern.“ In meinen Phantasien… in meinen Phantasien endet die Sache einfach anders.
In der Realität? In der Realität frage ich nur nach, ob sie sicher ist. In der Realität beteuert sie erneut, dass es okay ist, dass er ihr boyfriend ist. In der Realität sagt sie: „But thank you so much!“ bevor er sie davon führt und ich ihnen hilflos nachschaue, weil ich niemanden gegen ihren Willen retten kann.

Ich wälze die Sache jetzt seitdem hin- und her, versuche herauszufinden, ob ich die Situation vielleicht doch falsch gedeutet hab, ob es doch harmloser war, als es ausgeschaut hat. Das einzige Szenario, das ich finden kann – und das mich auch nur in Ansätzen überzeugen könnte – ist, dass sie gerade eine Todesnachricht oder ähnliches bekommen hat, darum völlig aufgelöst war und er sie nur trösten wollte. Dann, immer noch hochgradig aufgelöst, wollte sie davonstürzen um… ich weiß nicht was zu tun… und er hat sie eben in seiner Verzweiflung zu fest gepackt, weil er seine Freundin nicht in dem Zustand durch Wien wandern lassen wollte. Eh. Wenn ich mich wirklich drauf konzentriere, kann ich mir das einreden. Dann hätt ich mich nur ungebührlich in einen privaten Trauermoment eingemischt, mit der Karmaschuld kann ich grad noch leben. Aber…Aber ganz ehrlich? Der Griff an ihr Genick, die Art, wie er sie gehalten hat, das hat einfach zu professionell gewirkt. Wie jemand, der drin Übung hat.

Eine Stunde später treffe ich MD noch auf einen Drink, immer noch mit etwa mit einem Verhältnis Adrenalin-Blut-Verhältnis von 1:1. Sie wirft nur einen Blick auf mein Gesicht und schiebt mir sofort ihr Weinglas hin.
„Bitte“, sagt sie: „Was ist denn passiert?“
„Das weiß ich auch nicht“, antworte ich und stürze das halbe Glas hinunter: „Ich weiß es nicht.“

Und das ist das Ende der Story. Ich hab keine Moral von der Geschichte, keinen klugen Schlusssatz, keinen gloriosen dramaturgischen Abschluss, sondern einfach nur das: ein bitterer Geschmack im Mund und keine Ahnung, was ich hätte anders machen sollen.

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3 Antworten zu Scheitern

  1. Mountfright schreibt:

    Du hast richtig gehandelt. Mehr per Mail.

  2. Mountfright schreibt:

    Moralisch richtig und selbstlos. Aber ich mache mir Sorgen um Dich. Erinnere mich daran, dass ich Dir mal beibringe, wie man aus so einer Situation wieder raus kommt, wenn es nicht bei Worten bleibt. Mail folgt.

  3. J. R. Hermes schreibt:

    Hi!

    Ok – starker Tobak.

    1. Mutig! Mutig, das hier zu schreiben, es offen zu legen, zu zweifeln.
    2. Mutig! Mutig, so eine Zivilcourage zu zeigen und so zu handeln.

    Danke, dass Du so gehandelt hast. Ob und was Du damit erreicht hast, wird sich vermutlich niemals erschliessen, aber Du hast etwas verändert. Definitiv.

    Liebe Grüße
    j.h.

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