Nur, weil ich momentan anscheinend noch nicht genug Anfraß auf die Welt hab

http://diestandard.at/2000008695695/Praeventionsvideo-betreibt-Taeter-Opfer-Umkehr

Are you fucking serious? In welchem fucking Jahrhu… nein, wartet, ich nehm die Frage zurück. Die stell ich seit Jahren jedes Mal, wenn so etwas passiert, und vielleicht ist das falsch herum gedacht. Solche Dinge sind nicht anachronistisch und aus ihrer Zeit im einundzwanzigsten Jahrhundert. Solche Dinge sind zeitgemäß für das einundzwanzigste Jahrhundert, weil die Menschheit anscheinend immer noch zu einem nicht kleinen Teil aus Höhlenbewohnern von einer Primitivität besteht, über die der durchschnittliche Homo Habilis entsetzt gewesen wär.

Okay, ihr, oh treue Leser, seid kluge Leute ÜBER dem Entwicklungsstadium früher Hominiden, aber für versehentliche prähistorische Zaungäste zum Mitschreiben:

a) Das Opfer ist nicht Schuld an einer Straftat. Nicht bei Mord, nicht bei einem Banküberfall, nicht bei einem Einbruch, nicht bei einem Autounfall mit Fahrerflucht. Erstaunlich, dass nur dieses eine spezielle Verbrechen von dieser Regel mit großer Regelmäßigkeit ausgenommen wird. Wirklich erstaunlich.*

b) Die Botschaft an die Mädchen in diesem Video? „Gewalttäter sind da, quasi ein Naturphänomen, gegen das wir eh nichts unernehmen können. Also ist es deine Verwantwortung, nicht das Opfer du jour zu werden.“ Oder, wie es irgendjemand in den weiten des Internets schon so schön auf den Punkt gebracht hat: „Make sure he rapes the other girl.“

c) Die Botschaft an potentielle Vergewaltiger in dem Video? „Wenn ein Mädchen sich nicht an einen (von uns, der Obrigkeit) vorgegeben Verhaltenscodex hält, ist sie selber schuld und verdient es. Wir werden sie nur bedingt schützen. Bitte, bedient euch.“

d) Können wir vielleicht mal ein paar Vergewaltigungspräventionsvideos haben, in denen Männern und Knaben erklärt wird, warum Vergewaltigung eine saublöde Idee ist? Wär ja auch eine Möglichkeit.
Golda Meir hat mal von jemand in ihrem Kabinett den Vorschlag bekommen, nach einer Vergewaltigungswelle im Land sämtliche Frauen mit abendlichen Ausgangssperren zu belegen. Worauf sie geantwortet hat: „Wieso, sind doch die Männer, die es tun. Sperren wir doch die ein.“

e) Wenn wir schon dabei sind: abgesehen vom Frauenbild – was ist das bitte für ein toxisches Männerbild? „Mit euch reden wir bei solchen Kampagnen schon gar nimmer, da ist eh Hopfen und Malz verloren. Ihr könnt euch halt nicht helfen?“
Edit: Razor hat das mit dem implizierten Männerbild grad in den Kommentaren weiter ausgeführt und es wesentlich besser auf den Punkt gebracht, als ich das gekonnt hätte. Seid so gut und scrollt dazu einfach ein paar Zentimeter runter.

Himmelarschundzwirn.

*Ach ja, und falls mir jetzt jemand damit kommen will, dass das Opfer eines Einbruchs ja auch geschimpft werden würde, wenn er an der Tür ein zu billiges Schloss hatte, das leicht aufgebrochen werden kann – nope. Das ist nicht dasselbe, weil er/sie dennoch das Opfer braucht und sicher niemand kommen wird mit: „Ah geh, sie wollten’S doch vielleicht eh, oder? Und wie bitte hätte sich der arme Einbrecher auch zurückhalten sollen, wenn sie da mit ihrem kurzen Schlüsselbund aufreizend durch die Gegend rennen?“
Nope. Einfach nur nope.

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7 Antworten zu Nur, weil ich momentan anscheinend noch nicht genug Anfraß auf die Welt hab

  1. Mountfright schreibt:

    Alles Wichtige hast Du oben schon gesagt, wobei ich sagen würde: Auch ein Einbruchsopfer mit alten Schlössen ist nicht Schuld. Schuld ist der Täter. Immer. Punkt.
    Und noch ein Wort zum Thema Täterpsychologie: Sexualisierte Gewalt hat nichts mit Sex zu tun, also auch nicht mit kurzen Röcken, langen Beinen, schönen Brüsten etc. Es hat etwas mit Macht zu tun – mit dem Gefühl, stark zu sein und das Opfer schwach zu machen.

    Jetzt aber zu einem Punkt, den Du nicht erwähnt hast: Dieser bescheuerte Denken beleidigt mich persönlich – und zwar weil ich ein Mann bin. Bin ich für die sexuellen Reize von Frauen empfänglich? Aber hallo! Falle ich deshalb über die nächstbeste sexy Frau her, sobald ich ein wenig die Kontrolle verliere, weil ich zum Beispiel scharf auf sie bin, oder alkoholisiert oder alles zusammen. Aber nein! Niemals! Ich bin nämlich kein triebgesteuertes Bündel, sondern ein denkender und fühlender Mensch (männliche Ausführung). Ein Sexualvebrecher ist verantwortlich für seine Taten. „Er ist (ich bin halt) halt ein Mann“ ist eine widerliche, sexistische Ausrede.

  2. Sarah Wassermair schreibt:

    Ich geb dir vollinhaltlich Recht, dear. Ich glaub auch nicht, dass das Einbruchsopfer schuld ist – ich hab mich da wirklich nur darauf bezogen, was er/sie nach der Umwelt wohl nach der Tat zum Thema ’selber Schuld‘ zu hören bekommt.

    Das mit dem männlichen denken – jupp, das meinte ich mit dem toxischen Männerbild. Ich war so frei, und hab im Blogeintrag oben auf deinen Kommentar verwiesen, weil du es so präzise auf den Punkt bringst.
    Ich mein ehrlich – es ist auch nicht jeder von uns ein potentieller Bankräuber oder Serienkiller, warum zum rotärschigen Teufel sollte jeder Mann ein potentieller Vergewaltiger sein? Absurdes, profund absurdes Denken. (Und im Übrigen einer der Gründe, warum mich gewisse Entwicklungen in der Serie Game Of Thrones so aufregen – weil die genau so was implizieren.)

    • Mountfright schreibt:

      Wobei George Martin ja nach eigener Auskunft immer bemüht ist, ein möglichst genaues Bild einer mittelalterlichen Gesellschaft zu schildern – und da gab es ja ein völlig anderes Menschenbild verbunden mit einer sehr darwinistischen Moral. Ich kenne die Bücher nicht, aber wenn die Filme sie akkurat widerspiegeln, dann ist da doch im Grunde jede Vergewaltigung ein Macht-Ohnmachtbweis. Bis hin zu der Tatsache, dass Theon seine Ohnmacht gegenüber seiner Schwester erkennt, als es ihm nicht gelingt, sie sexuell zu nötigen.

  3. Sarah Wassermair schreibt:

    Das Problem, das ich akut habe ist nicht mit dem Büchern – sondern mit der Serie. Und zwar, dass es da eine Sexszene gibt, die in den Büchern zwar schwer gestört, aber eindeutig konsensuell ist – in der Serie machen sie eine Vergewaltigung draus. Und der Täter ist eine der männlichen Figuren, die zwar viel, viel Dreck am Stecken haben, bis zu dem Zeitpunkt aber striktest gegen jede Art von sexueller Gewalt war – bis zu dem Punkt, Leib und Leben zu riskieren, um eine Frau vor einer Vergewaltigung zu retten, die er eigentlich als seine Feindin betrachtet. DEN dann zum Täter zu machen… ich meine, wie kann man noch deutlicher sagen ‚Mit genug Provokation ist jeder man ein potentieller Vergewaltiger“ als damit?

  4. Mountfright schreibt:

    Tyrion?) John Snow??? Wie auch immer – Du hast Recht. Selbst in mittelalterlichen Zusammenhängen und als Machtmissbrauch braucht man immer noch eine gewisse Grundhaltung und den eindeutigen Willen, um zu vergewaltigen, ja.

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