Von Impfungen

Jeder, der nicht in einer besonders abgelegenen Seitenstraße des Mondes wohnt, dürfte die Sache mit der Masernepedemie in Amerika mitbekommen haben. Und auch die mit der – medial weniger aufbereiteten – in Berlin.

Ich habe schon länger vor, hier mal einen kleinen Tobsuchtsanfall zum Thema ‚Impfskeptiker‘ zu bekommen, jetzt scheint mir das ein wunderbarer Anlass. Die Sache mit der Impfung ist nämlich eine, zu der ich sehr, sehr vehemente Meinungen habe.
Wie vehement? Nun, hier in meinem Arbeitszimmer hängt über mir ein wunderschöner alter Kupferstich, der die erste Kuhplatternimpfung anno dazumals darstellt: honorige Herren mit sehr wissenschaftlichen Schnauzbärten, Damen mit eleganten Hüten, weinende Kinder und eine sehr, sehr irritierte Kuh, die als Spenderin für den Erreger dient.
Als kleines Mädchen hab ich mich vor diesem Bild gefürchtet, bis mein Vater mir irgendwann erklärt hat, was da drauf gerade passiert: dass es gut sein kann, dass diese skurril wirkende Szene später einem oder gar allen Kindern auf diesem Bild das Leben gerettet hat; dass es etwas Gutes ist, das da passiert, eine der größten medizinischen Errungenschaften der Geschichte. Danach hab ich den Stich mit komplett anderen Augen gesehen, und als ich Jahre später zum Studieren nach Wien gezogen bin, da hab ich ihn mir als Einzugsgeschenk in meine erste eigene Wohnung gewünscht. Um mich daran zu erinnern, dass es völlig schwachsinnig ist, sich vor etwas zu fürchten, nur, weil ich es nicht verstehe.

Also, zurück zur amerikanischen Masernepedemie in Amerika, wo ein paar Idioten die Herdenimmunität so weit untergraben haben, dass jetzt alle in Gefahr sind, die aus diversen Gründen (zu jung, zu krank, nach Chemo immunsupprimiert…) nicht impfen KÖNNEN. Wo eine Krankheit, die eigentlich ausgerottet sein müsste – und es 2005 kurzzeitig schon war – ihr feuriges Comeback macht, einfach, weil ein paar Hornochsen cleverer als der Rest der Welt sein mussten.
Ihr wisst, dass das auch Wien passieren könnte, oder Oberösterreich, nicht wahr? Oder wie beispielsweise in Salzburg, wo sich im Jahr 2008 über 170 Menschen angesteckt haben – und wo der Seuchenherd eine Masernparty gewesen sein dürfte.

Was eine Masernparty ist, fragt ihr, oh holdes Volk? Oh, nur eine kleine Veranstaltung von geistig zurückgebliebenen, wissenschaftsfernen, sollte-man-die-Elternschaft-entziehen Vollkretins, die der Meinung sind, dass es doch lustig wäre, ihre völlig gesunden Pinkerl für ein paar Stunden in einen Raum mit einem Infizierten zu sperren, auf dass sie sich alle anstecken. Weil… nun ja, weil eine gesunde Maserninfektion ja was Herrliches ist, das man mal erlebt haben muss, vermutlich.

„Bereits fünf Tage vor und vier Tage nach Ausbruch des typischen Masern-Ausschlags ist die Krankheit stark ansteckend. Es genügt das Vorbeigehen an einem Erkrankten. Masern sind für Risikogruppen aufgrund des hohen Fiebers selbst schon gefährlich, können aber in der Folge zu einer akuten Gehirnentzündung mit schweren Dauerschäden führen. Darüber hinaus besteht während einer Infektion mit Masern ein erhöhtes Risiko, an Diphtherie, Keuchhusten oder Tuberkulose zu erkranken. Gegen die Masern gebe es keine spezielle Therapie.“

Quelle: http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/salzburg/Nur-mit-Impfpass-zurueck-an-die-Schule/281783

Jaaa… das klingt doch nach Spaß für die ganze Familie, nicht wahr? Vor allem für die Familien, die nichts dafür können, weil sie zwar NICHT geistesgestört sind und ihre Brut auf Masernpartys schicken, aber deren Kinder für die Impfung vielleicht noch zu jung waren und drum trotzdem darniederliegen. Und natürlich auch für die Kinder der Gestörten selbst, die sich leider nicht aussuchen dürfen, wer ihre fürsorgepflichtverletzenden Astralgestirne von Erzeuger sind.

Und mit den Masern hört es natürlich bei weitem nicht auf. Ihr wisst, ich komme aus einer Arztfamilie mit vielen Arztfreunden – wir hören seit Jahren die Horrorgeschichten. Ich weiß von einem Fall von einem befreundeten Lungenfacharzt, der zwei kleine Kinder mit Keuchhusten in die Praxis bekommen hat. KEUCHHUSTEN. Ihr wisst schon, dieses Zeug, an dem kleine Kinder früher wie die Fliegen gestorben sind? Das, wovor man panische Angst hatte? Das, das EIGENTLICH AUSGEROTTET SEIN KÖNNTE, weil es eine wunderbare Impfung dagegen gibt? Aber Gott bewahre, das ist ja Chemie, und den Ärzten kann man sowieso nicht trauen, und wofür gibt es denn Globuli und Bachblütentropfen?*
Meine Mutter sagte grad, ich dürfe sie mit Folgendem zitieren: „Wenn’s einmal ein Kind gesehen haben, das auf der Unterseite der Zunge schon ein Geschwür hat, weil es sie beim Husten so krampfhaft rausstreckt… dann würden sie es vielleicht anders sehen.“

Wie in Amerika ist im Übrigen die Täterschicht auch bei uns ziemlich homogen: eigentlich gebildet, mittlere bis obere Mittelschicht, alternativ angehaucht. Bio-Supermarkt-Jutteröckchenpublikum. Und im Gegenzug dazu die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Impfdisziplin? Asylanten und Menschen mit Migrationshintergrund. Vermutlich deshalb, weil viele von ihnen in ihren Herkunftsländern noch erlebt haben, wie so eine Epidemie wirklich aussieht und was für ein endloser, endloser Segen es ist, seine Kinder davor schützen zu können. Das ist eine Erfahrung, die Madame Nur-das-natürlichste-Bachblütentröpfchen-für-das-edle-Erzeugnis-meiner-Biolenden aus dem Biosupermarkt von nebenan natürlich abgeht, weil sie und die Ihren bisher durch Herdenimmunität geschützt waren; das heißt, durch all die Menschen, die nicht so bescheuert sind wie sie und die sehr wohl impfen lassen. Und die sie mit ihrer Hach-das-ist-meine-Entscheidung-wofür-brauch-ich-das-Blödheit genau so in Gefahr bringt wie sich selbst, weil Herdenimmunität nun einmal darauf beruht, dass möglichst viele immun sind – und jeder, der wissentlich als potentieller Seuchenherd herumläuft, untergräbt sie aufs Fahrlässigste.

Also, damit es zusammengefasst ist, Leute… ich gehe davon aus, dass ihr kluge, gebildete, vernünftige Leute seid, und niemals, NIEMALS auf die Idee kommen würdet, eure Kinder so fahrlässig gröberer Gefahr auszusetzen. Dennoch, nur für den Fall, dass euch heute jemand in der U-Bahn packt und fragt: „Sagen Se mal, wogegen sollt ich meine Chantalle-Marie eigentlich impfen lassen?“, dann ist hier eine Liste der wichtigsten, die ich mir grad von meinem Vater hab geben lassen. Ansonsten fragen Sie Ihren Arzt, Apotheker oder Impfpass.

ABSOLUTES IMPF-MINIMUM

Sechsfachimfpung – Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Polio, Hepatitis B und Haemophilus Influenzae. Sechs einstmals weltweit gefürchtete Killer, auch, wenn meine Generation ihren Schrecken vielleicht nicht mehr so ermessen kann, weil wir beispielsweise nie eine Polio-Epidemie erlebt haben. Die Generation vor uns schon – ich kenne da beispielsweise einen sehr netten Herrn im Rollstuhl, der ein wenig zu früh für die Impfung geboren wurde und von Glück sagen kann, überhaupt mit dem Leben davongekommen zu sein.

Masern, Mumps – siehe oben oder jedes Geschichtsbuch

FSME – die bekannte Zeckenimpfung. Es gibt Leute, die euch gerne einreden würden, dass FSME eh so selten ist, dass sich das Risiko der Impfung nicht lohnt**. Meine Eltern haben eine kleine Landpraxis, und die alleine haben jedes Jahr, JEDES EINZELNE JAHR, Fälle von Hirnhautentzündung, weil jemand nicht geimpft war. Und eine Hirnhautentzündung? Bisschen Pech und du bist tot.

Papillomaviren – etwas später, in der Pubertät. Papillomaviren sind hauptsächlich für Mädchen und Frauen gefährlich, weil sie zu Gebärmutterhalskrebs führen – aber zum einen können auch Männer Beschwerden entwickeln, zum anderen können sie Träger sein und ihre Partnerinnen beim Sex anstecken. Ein verantwortungsvoller Mann ist also schon einmal deshalb geimpft, um seine potentiellen Bettgefährtinnen zu schützen.

AUFFRISCHUNGEN
Nachdem viele brav sind, ihre Kinder impfen zu lassen, aber bei sich selbst vergessen: etliche Dinge, wie Hepatitis B, haben lebenslangen Impfschutz. Andere, wie Tetanus, müssen regelmäßig aufgefrischt werden.
Hier ist der Impfplan des Oberösterreichischen Gesundheitsministeriums, auf Seite sieben findet ihre einen Überblick für Erwachsene: http://www.bmg.gv.at/cms/home/attachments/8/9/4/CH1100/CMS1389365860013/impfplan.pdf

Ernsthaft, Leute – bitte spielt damit nicht. Wenn ihr meine Leser seid, dann seit ihr aller Wahrscheinlichkeit nach schon von vornherein edle Geschöpfe von erlesenem Geschmack, ich will euch alle gesund wissen.

REISEN
Dazu kommt dann noch alles, was bei Reisen anfällt, beispielsweise Hepatitis A oder Gelbfieber. Das isst abhängig vom Reiseland und dem, was ihr dort so vorhabt. Jeder Arzt kann euch da beraten.

*zu Globuli… hätte ich auch Dinge zu sagen. Dinge mit vielen Rufezeichen drin und Ausdrücken, mit denen ich den durchschnittlichen Piratenkapitän noch schockieren würde. Aber das ist ein anderer Post. Belassen wir es bei der Feststellung, dass mein kleiner Bruder mal bei einem Apothekenpraktikum ein paar Tage lang den Job hatte, die Dinger anzumischen – und jeden Abend von Lachkrämpfen geschüttelt nach Hause gekommen ist.

**siehe beispielsweise: http://www.gesundheitlicheaufklaerung.de/zecken-impfung-auf-keinen-fall, der nebenher auch noch homoöpathische Zeckenimpfungen verticken will. Ich habe dazu Meinungen. MEINUNGEN.

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10 Antworten zu Von Impfungen

  1. Alexander T. schreibt:

    Das nicht erwähnen von Janus zu „Abendliche Frage “ Frauen Bilder lässt ja auf eine 2te Staffel,hoffen mit vielen ofenen Antworten !
    „Impfschaden“ ist das Wort das mir zu diesen eindrag aber doch auch noch FEHLT !
    Denn die gibt es auch . (Ohne weiter darüber zu wärten )

    • Sarah Wassermair schreibt:

      Bezüglich Janus: Ich werde dich leider enttäuschen müssen, momentan sieht es nicht nach einer zweiten Staffel aus. Sorry.

      Bezüglich Impfschaden:
      Uhm.. nein. Der ‚Impfschaden‘, auf den du dich beziehst, wird hauptsächlich in Bezug auf Autismus gebracht. Und dass dieser angebliche Zusammenhang zwischen Masern/Mumps-Impfung und Autismus wiederum kam vor allem aus einer einzigen Studie – die 2004 zurückgezogen wurde, weil viele Daten gefälscht waren.
      Sämtliche oben aufgeführten Impfungen gelten nach heutigem wissenschaftlichem Standard als ausgesprochen sicher.

      • Alexander T. schreibt:

        Damit bleibt allso eine der Fragen wer sind die 2 Frauen ? (und woher kommen sie mir bekannt vor ).
        Fliegen ist auch ausgesprochen sicher …
        Und bei dem Enthusiastischen statement wollte ich nur das man dabei nicht vergiesst das es sehrwohl auch meist Kinder gibt die das mit einem lebenslangen Impfschaden bezahlen.

      • Sarah Wassermair schreibt:

        @ die beiden Frauen sind die Mütter von Janus, die die Firma vor vielen Jahrhunderten gemeinsam gegründet haben, und zwar zu Zeiten der zweiten Türkenbelagerung

        @Nein. Eben nicht. Die ‚lebenslangen Impfschäden‘ mit denen Kinder angeblich bezahlen sind – möchtest du mir die entsprechenden Statistiken und Untersuchungen geben, in denen das nachgewiesen wird? Wie oben aufgeführt: zumindest die populärste davon ist mittlerweile erwiesenermaßen eine Lüge. Was die Impfschäden angeht passiert sehr, sehr viel Angst und Panikmache – und das wenigste davon ist wahr.

        Und was das mit dem ‚ausgesprochenen sicheren Fliegen‘ angeht – selbst wenn die von den Impfgegnern angeführten Zahlen stimmen würden, was die Gefahren des Impfens angeht … dann kämen sie immer noch viele Kilometer weit nicht an die Gefahren von beispielsweise einer Polioepidemie heran.

  2. Alexander T. schreibt:

    Weisst du wer die beiden Damen auf den Bildern sind ? Allso Bild Technisch nicht Geschichten Technisch.Allso wessen Bilder das im Realen leben sind .

  3. dschidschei schreibt:

    Also die Geschichte mit den Lachkrämpfen ließe ich mir gerne mal genau erzählen…
    … und ich suche gerade fieberhaft nach meinem letzten FSME-Impf-Nachweis!

  4. Guido F. schreibt:

    Auch wenn Sarah es hier bereits angesprochen hat:
    Es gibt einen (gar nicht so kleinen) Kreis an immunsuppremierten Personen, d.h. deren Immunsystem ist durch Krankheit, Medikamente, oder in Folge von Transplantationen eingeschränkt, bzw. so gut wie nicht vorhanden. Für diesen Personenkreis besteht bei einer Infektion mit einer der o.g. Krankheiten akute Lebensgefahr! Selbst (für gesunde Erwachsene) vermeintlich „harmlose“ Krankheiten wie z.B. die Ringelröteln bedeuten eine ernsthafte Gefahr, da diese nicht mit Medikamenten behandelt werden können.
    So, wie man ansteckend sein kann, bevor man die Symptome sieht, kann man die Immunsuppremierung der o.g. Personengruppe auch nicht unbedingt ansehen.
    Vielleicht wird es deutlich, wenn man Folgendes einmal klar ausspricht:
    Ihr seid Organ- und Stammzellenspender um Leben zu retten, gleichzeitig gefährdet Ihr hochgradig das Leben eben dieser Empfänger. (Diese haben in der Regel übrigens mehr Medikamente mit mehr Nebenwirkungen eingenommen, als die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr unter den Nebenwirkungen einer Impfung dauerhaft zu leiden habt!)
    Gestern durfte ich dann übrigens noch in einem Buch über Heilkräuter lesen – die Therapie mit Umschlägen mit „Kleiner Schwedenbitter“ gegen Leukämie haben mich dann am Geisteszustand der Autorin (und derer die darauf hören) zweifeln lassen.

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