Vom Wattmeer, Gästekarten meiner neu entdeckten Glückspielsucht

Zurück von der Criminale in Büsum und gut versorgt mit Assam am Schreckenberg’schen Küchentisch. Wenn jemand wissen will, wo das liegt: am Meer, dort, wo die Leute wie Käptn Blaubär reden, als Höhepunkt alles Kulinarischen Krabbenbrot mit Spiegelei gilt und man eine sündteure Gästekarte braucht, um das Meer überhaupt sehen zu dürfen. Nicht, dass die ganze gratis-Anschauerei das Meer abnutzt und so.

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Ab.1.1.

Die Fortbildungsveranstaltungen waren… sagen wir mal, durchwachsen. Von fünf Seminaren waren zwei exzellent. Eines war der Vortrag der Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Die tritt als Goth mit kniehohen Stiefeln, Totenkopfröcken und blutroten Haaren auf und lieferte einen der faszinierendsten Vorträge über das Thema Forensische Psychologie, die ich je gehört hab. Am liebsten würd ich grad ein paar Szenen aus Janus nachdrehen lassen, nur, um noch etwas von dem Zeug einzubauen, dass sie da erzählt hat. Hab schon zwei ihrer Bücher bestellt und werd mich in eiligster Eile durch ihr gesamtes Oevre arbeiten. Als sie dann auch noch in der Pause lautstark Subway to Sally gespielt hat, war ich fünf Minuten davor, der Frau spontan die Ehe anzutragen.

Die zweite Erfreulichkeit war das Seminar über Poker, das Razor gegeben hat. Das begann zwar mit gewissen Anfangsschwierigkeiten, weil die Organisation den Veranstaltungsort geändert hatte – blöderweise, ohne das dem Seminarleiter und seinem treuen Gefolge mitzuteilen. Wir standen dann also einem doppelt gebuchten Gemeindesaal, der sich rapide mit alten Damen** in weißen Seemannshosen füllte**, die zu einer Grundbesitzerversammlung wollten und so gar nicht gewillt schienen, sich mit uns dem legalen Glücksspiel hinzugeben. Einige Telefonate und eine Wanderung durch die halbe Stadt später konnte Razor dann das Seminar beginnen, während seine Frau und seine beste Freundin wie geistegstestörte Derwische durch das Hotel gestürmt sind und versucht haben, Kaffee, Tassen und Verlängerungskabel aufzutreiben. Danach ging es ans Pokern und ich und die anderen Seminarteilnehmer waren dann mal die nächsten zwei Stunden damit beschäftigt, von einer wirklich entzückenden Schweizer Großmutter nach Strich und Faden augenommen zu werden.
Bis zum letzten Spiel halt. Dem allerletzten. Das nämlich endete… so.

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Abb. 1.2. Drehbuchautorin in inniger Umarmung ihrer durch Lug und Betrug erworbenen Spielgewinn

Danach kamen dann die beiden netten Seminare, eines über Selbstverteidigung – wo ich einen neuen Befreiungshebel gelernt hab – und eines über die sozialen Umständen von Pädophilie. Daran allerdings war erst wieder das interessanteste die kurze Wortmeldung von Frau Benecke, die als Zuschauerin im Publikum saß. Den Rest der Informationen hätte ich durchaus einem Wikipedia-Artikel zu dem Thema entnehmen können – und die Publikumsfragen waren zum Teil ernsthaft verstörend, wie beispielsweise die Sozialarbeiterin, die ‚ein Problem‘ mit der Aussage hatten, dass pädophile Täter sich oft schon das Berufsfeld entsprechend aussuchen, unter anderem eben auch das ihre. SIE habe in ihrer gesamten Karriere bisher erst einen einzigen verurteilten Kinderschänder zum Kollegen gehabt, und das müsse ja wohl auch etwas heißen.

Und dann… dann war da noch der Vortrag über Kriminologische Sprachanalyse namens ‚Der Code des Bösen‘ von Raimund H. Drommel … und der war so abgrundtief, profund, über jeden Zweifel erhaben miserabel, dass noch Stunden später über kaum etwas anderes reden könnte.
Der Typ sah aus wie Leute, die Frau Benecke wegen ihres Aussehens nicht als Wissenschaftlerin ernst nehmen, sich wohl einen echten Professor vorstellen, trug ein kariertes Jackett und war des Umgangs mit Power Point in einem Ausmaß nicht mächtig, dass ich ernsthaft versucht war, nach vorne zu gehen und ihm den Laptop wegzunehmen. Dass ich es nicht getan habe, lag hauptsächlich daran, dass mir der Inhalt seiner Folien ohnehin nach kürzester Zeit herzlich egal war.

Die Highlights waren:
– ein Vortragender, der die ersten zehn Minuten damit verbringt, sich selbst als das gloriosteste Exemplar von Sprachanalyst zu schildern, das da dereinst über diese Erde wandelte, und seinen Lehrern zu danken, die ihn dereinst dazu machten

– eine so wirre Vortragsweise, dass wir kurz ernsthaft überlegen, ob er grade vorne auf der Bühne einen Live-Schlaganfall bekommt und ob wir moralisch verpflichtet wären, einen Arzt zu verständigen

– Ein nicht enden wollender Strom von sexistischen Witzen auf dem Niveau einer Achziger-Jahre-Herrenrunde, dass Razor sich nach den ersten zwanzig Minuten zu mir umdreht, und sagt: „Wenn du als Frau hier raus willst, dann gehen wir.“
Wir reden hier von Perlen der Marke: „Dieser Tätertyp fährt oft Opel – und wie ihre Frauen ausschauen, das wollen wir uns jetzt gar nicht erst vorstellen, oder?“ und „Ich habe mich ja viel mit Krankenschwestern beschäftigt – also, beruflich!“, jeweils punktiert von der Art nasalem Schlürfen, das seitdem bei uns als Ersatz für seinen Namen dient.

– Und das alles wäre noch erträglich, wenn der Vortrag zumindest fachlich brauchbar gewesen wäre.
Aber statt sich an das Thema zu halten, von dem er angeblich irgendeine Ahnung hat (und auch da hege ich meine Zweifel), beglückt er uns mit einem nicht enden wollenden Strom von apokryphen Schwachsinn, der in der Form nicht mal auf Klopapierrollen gedruckt werden würde, zumindest nicht auf seriöse.
Beispielsweise erfuhren wir, was abstehende Ohren dem gewieften Profiler über die Persönlichkeit ihres Besitzers sagen können oder warum Männer niemals lange stalken. Weil: „Wenn eine Stalking-Reihe länger anhält, kann man davon ausgehen, dass es sich um eine TäterIN handelt. Männer halten das nicht so lange durch.“ Ah. Gut. Danke. Seien Sie so gut und sagen das jeder Frau, die zuerst Jahrelang von ihrem Ex verfolgt und dann umgebracht worden ist? Goody.
Das war dann der Punkt, an dem wir demonstrativ aus dem Saal marschiert sind, um stattdessen eine halbe Stunde am Büsumer Strand spazieren zu gehen. Und dabei wurden wir, als stolze Besitzer einer Gästekarte, nicht einmal von der Strandwache erschossen. Hat ja alles sein Gutes.

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Abb. 1.3. Menschen mit Gästekarten und damit Existenzberichtigung; Subjekte haben schließlich gestern die Criminale-Abschlussfeier geschwänzt, zugunsten einer Flasche Dalmore und vielen, vielen Partien Poker. Sind überzeugt, damit die beste Party geschmissen zu haben, die Büsum seit 1960 erlebt hat.

*Razor gerade: „Waren auch Herren bei. Kann man da nur so schwer unterscheiden.“

**Ich gerade: „Helft mir kurz, gibt’s einen speziellen Ausdruck für diese komischen weißen Hosen, die die da alle anhatten?“
Claudia: „Naja… im Grunde sind lauter Seemanns-Ausgeh-Phantasieuniformen.“

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Eine Antwort zu Vom Wattmeer, Gästekarten meiner neu entdeckten Glückspielsucht

  1. Mountfright schreibt:

    Ich gebe das Kompliment gerne zurück: Ohne Euch und Euer Troubleshooting hätte es das – nach einigen Zeugenaussagen doch kurzweilige – Pokerseminar so nie gegeben. :-*

    Was die beiden Vorträge angeht: Lydia Bennecke traf mit Subway to Sally und Eminem meinen Musikgeschmack, was aber, bei der Großartigkeit ihres Vortrages, eine völlige Nebensache war. Was den anderen Vortrag betrifft… Sprüche wie „Ein Mann ein Wort, eine Frau ein Wörterbuch“ fand ich schon in der ersten Hälfte meiner 44 Jahre unsäglich. Und besser wurde es nie, jedenfalls nicht, so lange wir im Saal waren.

    Über die Criminale werde ich selbst noch bloggen. Kurzes Fazit: Das neue Konzept hat sich bewährt und verspricht viele weitere, spannende Criminalen. Allerdings sollten wir – also das Syndikat – das, was nicht geklappt hat nicht unter den Tisch kehren. Aus Fehlern zu lernen isst keine Schande.

    Und ein Abend mit der bezaubernen Gattin, der bezaubernden besten Freundin, einer Flasche Dalmore und Poker ist schwer zu schlagen. 🙂

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