Von Schuldgefühlen und hirniger Bombenentschärfung

Mit sechzehn bin ich mal in Nizza in einem Bistro auf die Toilette gegangen, ohne im Lokal was zu konsumieren oder das Personal um Erlaubnis zu fragen. Ich hab bis heute ein schlechtes gewissen deswegen, hatte Jahrelang Phantasien, wie ich nur deshalb nach Nizza zurückkehre, um das Bistro ausfindig zu machen und mich bei dem Besitzter für die unerlaubte Pinkelung auf seinem Klo zu entschuldigen. Also, wenn der noch nicht bankrott gegangen ist, weil das Wasser der einen Spülung natürlich das war, was seinem angeschlagenen Unternehmen finanziell endgültig das Genick gebrochen hat, was dazu geführt hat, dass er seine Kinder und Kätzchen nicht mehr ernähren konnte und letztere an erstere verfüttern musste, und dann….

Fun Fact: ich neige zu obsessiven Schuldgefühlen.

Zweitens Fun Fact: nachdem ich die Dinger schon habe, seit ich ein kleines Kind war, habe ich mittlerweile auch Mechanismen, um damit umzugehen. Aka, Freunde.

Gutes Beispiel war heute die Doppelstunde Messer- und Stock, die eigentlich ganz großartig war. Ich wusste zwar in den drei Wochen urlaub, dass mir das Training abgeht* – aber ich war selber überrascht vom weißen Endorphinschauder, der mir beim Betreten der Halle über den Rücken gelaufen ist. Bin zwar in beiden Disziplinen eine so blutige Anfängerin, dass es tragisch ist, aber irgendetwas an diesen Bewegungsabläufen, dieser Kombination aus tänzerischer Körberbeherrschung** und implizierter Brutalität fasziniert mich zutiefst. Ich hatte in diesen beiden Stunden also sehr, sehr viel Spaß… und hab das Studio dennoch in einem Zustand gedrückter Panik verlassen.

Der Grund war der, dass ich (für mein Hirn) drei schwere Verbrechen begangen hatte, für die mich wahrscheinlich alle Trainer, Mitschüler UND deren Katzen auf ewig verachten würden. Diese Verbrechen waren wie folgt:

– hat bei einem komplizierteren Drill ein paar mal zu weit und energisch ausgeholt und den Partner leicht mit der Übungswaffe am Kinn getroffen, bis der mich gebeten hat, besser aufzupassen
– Partner wollte eine Übung auch mit der linken Hand ausprobieren, ich hab mitgemacht (weil spannend) und wir haben beide eine sehr nette Erklärung vom Trainer gekriegt, warum dieses spezielle Manöver mit der Linken völlig unsinnig ist
– bei einer Übung so drauf konzentriert gewesen, sie einer noch blutigeren Anfängerin als mir zu erklären, dass ich sie ein wenig zu früh begonnen und ein „Noch nicht anfangen!“ bekommen habe.

Wobei man hinzufügen muss, dass der besagte Trainer einer der geduldigsten, nettesten Menschen ist, die man sich vorstellen kann, und nichts davon je in einem anderen Tonfall als absoluter Freundlichkeit gekommen ist. Dennoch, beim verlassen der Umkleidekabine hatte mich mein Hirn schon fast davon überzeugt, dass mich jetzt wahrscheinlich gleich jemand am Ausgang zur Seite nimmt und bittet, nie wiederzukommen, weil ich mich so dermaßen unmöglich aufführ.

Vor ein paar Jahren wäre das etwas, das mich wochenlang beschäftigt und wach gehalten hätte, vor allem in diesen empfindlichen Stunden zwischen etwa sieben und Abends und Mitternacht, in denen ich besonders anfällig für alle meine Dämonen bin. Heutzutage ruf ich um Hilfe, wenn sich so etwas abzeichnet – und zwar meistens einen meiner besten Freunde. Nachdem Eva grad dreht, hatte heute Rarzor per Whatsapp Sarahpsychen-Bombenentschärfungsdienst, wobei er mir dann mit der Autorität von 15 Jahren Kampfsporterfahrung halbwegs glaubhaft machen konnte, dass ich vermutlich doch nicht der schlimmste Mensch auf dem Planeten bin und eventuell doch noch einmal Fuß in das Studio setzen kann, ohne, dass man mich auf ewig seiner geheiligten Hallen verweisen wird. Bin nicht ganz davon überzeugt, aber zumindest dieses nagende Gefühl in der Brust ist weg.

Aber manchmal, Leute… manchmal hätt ich schon gerne ein normales Hirn. Nicht für lang, nur, um mal zu wissen, wie sich das so anfühlt. Ich stells mir so entspannend vor.

*einen Bruder in Applecross zu zwanzig Minuten Stockdrill zwangszuverpflichten ist irgendwie nicht ganz dasselbe.
** also, bei den Leuten, die nicht ich sind. Bei mir ist das bei den komplizierteren Sachen oft eher noch ‚epileptisches Frettchen mit Starrkrampf‘, aber wozu lernt man?

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3 Antworten zu Von Schuldgefühlen und hirniger Bombenentschärfung

  1. Mountfright schreibt:

    Ich sage all das, was ich Dir eben erzählt habe nicht noch mal öffentlich, nur… Du bist in Ordnung, Dear. Und das Wetter ein Traum. 😉

  2. Alexander T. schreibt:

    Zweitens Fun Fact: nachdem ich die Dinger schon habe, seit ich ein kleines Kind habe,
    Sahra hat ein kleines Kind FUN FACT !

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