Der Winterprinz

Mir fällt grad auf, dass ich hier in letzter Zeit sträflich die unverschämte Eigenwerbung vernachlässigt habe – im konkreten Fall für ‘Der Winterprinz’. Es ist ein ein Musical nach Motiven von H.C. Andersens Schneekönigin, aufgeführt von der famosen Dachsberger Schultheatertruppe.

musical-der-winterprinz-01

Und bevor sich wer von ‚Schultheater‘ abschrecken lässt… die haben einen eigenen künstlerisch-musischen Zweig, 12 öffentliche Aufführungen und in Pater Ferdinand Karer den vermutlich fanatischsten Schuldirektor/Bühnenintendant, den die die Welt je gesehen hat. (Ehrlich, der Theaterenthusiasmus des Mannes ist ehrfurchtheischend. Ich verweigere seit Jahren, ‚Peter Pan‘ für sie zu schreiben, weil er sonst mit ziemlicher Sicherheit überlegen würd, Kinder an riesige ferngesteuerte Heißluftballons zu binden, damit die Flugszenen realistischer werden.)

Worum es in dem Stück geht… tja. Nachdem ich jetzt fast eine Woche am Programmtextheft gebastelt hab, bin ich einfach so frei, und zitier mich selbst. Wenn man die ganzen Wörter schon herumliegen hat…

„Was hat mich die Schneekönigin als Kind beeindruckt! Und wer wäre nicht fasziniert von dieser Frau mit dem Frost auf weißer Haut und den Augen wie das Herz eines Gletschers. (Und dem famosen Spitzenkragen aus Eiskristallen, zumindest in dem tschechischen Bilderbuch, das ich hatte. Das war ein Spitzenkragen, mit dem man Königreiche beherrschen konnte und Kontinente unterwerfen. Die siebenjährige Sarah hätte einiges für so einen Spitzenkragen getan.) Das, was mich an der Geschichte aber am meisten anzog, das war das gefrorene Herz. Das machte die Königin in meinen Augen mächtig, mehr noch als alles andere. Mehr als die Befehlsgewalt über den Winter, mehr als der Palast aus ewigem Eis, mehr selbst als der Spitzenkragen: die Tatsache, dass sie niemals Angst hatte, niemals traurig war, dass niemand ihr je wehtun konnte. Die kam mir so unglaublich stark vor, die Frau.

Als wir dann vor zwei Jahren (am Abend der Abschlussfeier des Dschungelbuchs, um genau zu sein) beschlossen haben, dass Andersens Märchen die Grundlage für unser neues Stück sein würde – nun, da habe ich natürlich erneut begonnen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Habe wochenlang wenig getan, als Bücher über Schneeköniginnen zu lesen, Musik über sie zu hören und mit verzweifelter Konzentration auf Bilder von eingeschneiten Landschaften zu starren, in der Hoffnung, dass irgendwo eine Geschichte herauspurzelt.
Und je länger ich nachgrübelte, umso mehr kreisten meine Gedanken um das gefrorene Herz – und immer mehr wurde mir bewusst, welche Feigheit hinter dieser Idee steckt. Kaum etwas ist einfacher auf der Welt, als nichts zu fühlen. Als das zynische Miststück, der Mistkerl zu sein, der sagt: „Das ist mir egal. Das geht mich nichts an.“ Wir alle kennen solche Leute, und natürlich kommen sie oft an die Macht, landen in Topmanagerpositionen oder in Regierungsämtern. Wie denn auch nicht, wenn sie keine unbequemen Emotionen haben, die sie zurückhalten können.
Und ich bin überzeugt: Sie leben halbe Leben. Sie wissen es nur nicht, weil sie ihren Verlust ja nicht spüren können.

Leute, bleibt mir mit den Schneeköniginnen vom Leib. Gebt mir lieber das Frühlingsmädchen, das bald einmal weint und noch schneller lacht. Gebt mir den Sommerknaben, der ums Feuer tanzt und sich traut „Ich liebe dich“ zu sagen, ohne die Antwort zu kennen. Und ja, gebt mir die Herbstfrauen und -männer dieser Welt, die einfach das tun, was nötig ist – die hinaus in den Novembersturm gehen, damit es kein anderer muss. Sie mögen kaum Macht haben, kein Heer, keinen Palast aus ewigem Eis. Die meiste Zeit haben sie nicht einmal Spitzenkrägen. Aber sie brauchen davon auch nichts, weil der Unterschied zwischen „Macht“ und „Stärke“ eben gewaltig ist. Ich hatte im Leben die große Ehre, ein paar von diesen Menschen zu begegnen und dieses Stück ist am Ende vor allem eines geworden: eine Verbeugung vor ihnen.“

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Der Winterprinz

  1. Mountfright schreibt:

    „Und je länger ich nachgrübelte, umso mehr kreisten meine Gedanken um das gefrorene Herz – und immer mehr wurde mir bewusst, welche Feigheit hinter dieser Idee steckt. Kaum etwas ist einfacher auf der Welt, als nichts zu fühlen. Als das zynische Miststück, der Mistkerl zu sein, der sagt: „Das ist mir egal. Das geht mich nichts an.““

    Bravo! Und ein Hoch auf Frühlingsmädchen, Sommerknaben und Herbstfrauen. Bin schon sehr freudig gespannt. 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s