Opa

Wir haben heute meinen Großvater – den Vater meines Vaters – beerdigt. Er war ein guter Tod, glaube ich, soweit irgendein Tod das sein kann: mit 88, im Kreis seiner Familie. Das hier ist der Nachruf, den ich auch während der Messe vorgelesen habe.

In meinem Freundeskreis in Wien ist Opa schon lange eine fast mystische Figur, einfach für die Geschichten, die es von und über ihn gibt. Alleine das, was er vom Krieg erzählt hat! Anderer Leute Großeltern haben da tragische Storys von Tod und und Hunger und Untergang – Opas hingegen waren kabarettreif. Ich hab mir den Zweiten Weltkrieg ungefähr zehnmal aus seiner Sicht erzählen lassen und hatte am Ende immer noch Lachtränen in den Augen.
Die Legendärste von allen – die noch ich meinen Enkeln erzählen werde, und die vermutlich den ihren, bis zum letzten Lagerfeuer des letzten Menschen – ist die, wie er so ganz aus Versehen zum Saboteur geworden ist. Ich wollte die Geschichte eigentlich nur umreißen, aber meine Familie hat mir gestern einstimmig gesagt, dass die es verdient, im Ganzen erzählt zu werden.

Er ist in der Nähe von Dresden stationiert und dazu abkommandiert worden, ein beschädigtes Messerschmitt-Kampfflugzeug mit Propellerschaden zu bewachen. Irgendwo im Sumpf, mitten in der Nacht. Er war da ein 18-Jähriger Bub, er war allein, ihm war kalt, ihm war fad, also tut er das, was wir alle tun würden – er setzt sich ins Flugzeug. Okay, kalt ist ihm jetzt nicht mehr, aber immer noch fad, also tut er das, was man immer tut, wenn man in einem Kampfflugzeug sitzt. Bisschen Spielen mit den Pedalen, den Steuerknüppel… nichts passiert. Und dann ist da dieser große, rote Knopf.
Was tut man mit großen Knöpfen? Genau, man drückt drauf.
Wieder: nichts passiert.
Also, O-Ton Opa: „Hob i hoid draufghaut!“
Es war der Schleudersitz. Also hat er mal eben die gesamte Kabine weggesprengt, dreißig Meter weit ins Gebüsch – und das Flugzeug ziemlich lädiert. Wie er aus DER Nummer ohne Kriegsgericht rausgekommen ist… das ist wieder eine andere Story.
Am schönsten war allerdings Opas Schlusssatz, mit der er nach diesen Erzählungen irgendwann einmal den zweiten Weltkrieg zusammengefasst hat. Da ist er nämlich kurz in sich gegangen und hat dann im Ton einer gewichtigen Mitteilung verkündet: „Also, der Hitler… der woa eigentlich a a Trottl.“

Aber der Opa war viel mehr als nur eine Schelmengestalt, ein Trickster, ein Pagat. Es gibt da noch die andere Art von Geschichten über ihn. Solche, die nicht nur lustig sind, sondern vor allem zeigen, was für ein profund gutes Herz er gehabt hat.
Die Sache mit dem Eichhörnchen zum Beispiel… Opa war früher einmal ein passionierter Jäger aus einer langen Reihe von Jägern. Bis zu dem Tag, als er einen Balg fürs Hundeabrichten brauchte. Opa geht also in den Wald, schießt auf ein Eichhörnchen. Nur, dass das, als er es findet, noch lebt und ihn mit so vorwurfsvollem, schmerzerfüllten Blick anschaut, bevor es in seinen Armen stirbt… dass er heimgeht, das Gewehr in den Schrank stellt und nie wieder anrührt. Das war das Ende seiner Jägerkarriere.

Und zuletzt sind da die… die kleinen Geschichten, die privaten, zärtlichen, von denen wahrscheinlich jeder in der Familie ein paar hat. Die, wo es darum geht, was der Opa jedem einzelnen von uns war.
Für mich ist das zum Beispiel, dass er mir meine ersten Buchstaben beigebracht hat. Für die, die mich nicht kennen: ich lebe heute vom Schreiben, es ist einer der integralsten Teile von dem, was ich bin. Aber zuerst einmal stand die fünfjährige Sarah vor einem ziemliches Hindernis: meine Eltern wollten es nicht, dass ich mich in der Schule langweile, weil ich den Stoff schon kann. Alle meine Babysitter hatten also das Gebot, mir ja nicht das Alphabet beizubringen.
Opa hörte dieses elterliche Diktat, nahm es wohl zur Kenntnis – und ist komplett darüber hinweggewalzt. Ich hab ihn immer noch vor Augen, wie er in unser altes Wohnzimmer gekommen ist, mit seinem Hut und den zurückgeschleckten Haaren, mit denen er ausgeschaut hat wie Al Capones jüngerer, besser aussehender Bruder. Er hat hatte etwas für mich dabei – ein Schiefertaferl, bunte Kreiden in drei verschiedenen Farben. Er hat sich mit mir unters Fenster auf den Boden gesetzt und und hat mir gezeigt, wie ich meinen Namen schreiben kann, und dann Mama und Papa, und Lena und Jo. Das war für mich reine Magie, Hexenwerk! Ich hab den Rest des Nachmittags damit verbracht, meine Namen auf kleine Zettel zu kritzeln und überall im Haus zu verstecken, als geheime Botschaft für künftige Generationen. Opa hat das ziemlich amüsiert, glaub ich, aber er hat trotzdem geduldig mitgespielt, stundenlang.

Walter Wassermair hat mit Freude gelebt, intensiv gelebt. Er hat nie aufgehört, neugierig zu sein, ein Schelm zu sein, hat nie aufgehört, sich an den Dingen zu freuen. Und am Weg hat er noch ein paar Leben besser gemacht, einfach, weil er Teil von ihnen war.
Ich glaube, am Ende seiner Tage, da kann niemand von der Welt mehr erbitten als das. Danke, Opa. Du wirst uns abgehen.

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5 Antworten zu Opa

  1. Mountfright schreibt:

    Du bist eine große Geschichtenerzählerin, das weißt Du, oder? Was für ein schöner Nachruf.

  2. Brigitte schreibt:

    Ich hab dich lieb und denk an dich und deine Familie! Mein herzliches Beileid, und (wie oft nach diesen Geschichten, von denen ich ja die eine oder andere schon gehört hab) meine Beifreude über den wunderbaren Großvater, der seinen Legendenstatus wohl verdient hat.

    • Sarah Wassermair schreibt:

      Ich dich auch. Wenn du wieder in Wien bist (lies sie eine subtile Frage mitschwingen): erinner michd ran, dass ich dir noch ein paar der Stories erzähle, vor allem die von Opa mit der Tuba im Keller.

      • Brigitte schreibt:

        Subtile antwort: nächste woche dienstag (nacht) bis sonntag (früh). Nicht nur, weil ich die tubastory hören will. Aber auch. Muss ich zugeben…

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