Pullover

Mein Vater tröstete mich heute auf facebook ob der Hässlichkeit der der hässlichsten Socken Mitteleuropas:

„Deine Mutter hat vor 40 Jahren einen Pullover für mich gestrickt. Seltsamerweise in genau der Farbe und genau dem Muster. Er existert heute noch, denn er besteht aus mindestens 2 Kg Schurwolle ist quasi unverwüstlich und sieht aus wie ein Kettenhemd. Ich ziehe ihn immer dann an, wenn es wirklich gefährlich wird. Schönheit ist eine vergängliche Eigenschaft.“

Das Ding ist – ich erinnere mich an den Pullover, und es ist eine von diesen unglaublich vividen Kindheitserinnerungen, die klarer sind als alles andere aus der Zeit. Ihr wisst schon, die Art von Erinnerung, die man wie in Bernstein eingegossen in sich trägt, wo alle Farben und Gerüche noch so klar sind wie am Tag selbst, obwohl alles rundherum schon längst verblasst ist.
Ich war gerade drei oder vier, wir waren bei Onkel Rudi und Tante Annerose zu Besuch. Die Erwachsenen haben Tarock gespielt, ich bin derweil im Hintergrund auf der Couch gesessen und habe Feivel der Mauswanderer geschaut. Der ein ganz großartiger Film ist, ohne Frage – aber für Mini-Sarah auch ganz schön gruselig, mit den bösewichtigen Katzen und ihrem dauernden Bedürfnis, alle Hauptfiguren mit Salat zu garnieren und aufzufressen. Sowas geht ans Gemüt.
Also hab ich mich gefürchtet und bin zu meinem Papa gegangen, der sich meine Notlage angehört hat – und dann seinen Pullover ausgezogen – eben den oben erwähnten – und ihn mir über den Kopf gezogen hat. „Das ist eine Rüstung“, hat er mir erklärt: „Und in der kann dir genau gar nichts passieren.“
Was stimmte. Das Ding ist so dick und schwer, dass es fast von alleine auf der Couch gestanden ist, eine stabile wollige Sarah-Festung, wo nur oben mein Kopf rausgeschaut hat, der Rest von mir war sicher im Pullover versteckt. Und dann hab ich den Rest vom Film geschaut und hatte absolut gar keine Angst mehr. Weil, was hätt mir schon passieren sollen in dem Ding.

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