Dresscode

Heute sonntägliches Familienessen und lange mit meinem 14-Jährigen Cousin über seine Hauptschule geplaudert. Am Ende sehr, sehr grantig gewesen, aus gleich mehreren Gründen. Einer davon ist, dass die dort neuerdings Kleidervorschriften für Mädchen eingeführt haben. Ich dachte bisher, dieser groteske Auswuchs der Prüderie sei auf amerikanische Schulen beschränkt (darüber hab ich in letzter Zeit schon ein paar Mal gelesen), aber davon in Österreich zu hören… weiha.

Es läuft darauf hinaus, dass die Mädchen keine Trägerleiberl mehr tragen dürfen und nichts, was oberhalb des Knies endet und in irgendeiner Form den Blick auf den Oberschenkel freigibt. Weil, so anscheinend die Schullogik: das könnte die anwesenden Knaben vom Unterricht ablenken.

Fuck that. Und zwar gleich aus drei Gründen.

1. Wenn ein Knabe sich schon von einer sichtbaren Schulter vom Unterricht ablenken lässt… well, dann ist er von vornherein nicht der konzentrierteste Schüler, sagen wir mal so. Und wenn ein Knäblein wirklich so in Hormonen ersäuft, dass ihn das schon aus der Fassung bringt – dann ist das sein Problem. Und sicher nicht das der Mädchen, die deswegen im Sommer in langen Jeans den Hitzetod zu sterben haben, weil er sein pubertäres Hirn nicht im Griff hat. Das ist diesselbe verdrehte Logik, die jede Verantwortung für männliches Denken den Frauen zuschiebt und am Ende zu Burkas führt.

2. Was bitte ist das für ein Männerbild, oder in diesem Fall Jungmännerbild? Mein Cousin war ehrlich empört darüber, dass man ihm zutraut, dass ihn ob einer entblößten Schulter einer Klassenkameradin jeder Verstand verlassen würde – und verdammt nochmal recht hat er. Das Ganze beleidigt nicht nur die Mädchen, sondern die Burschen gleich noch mit dazu.

3. Am gruseligsten finde ich aber, was mein Cousin in einem sehr prägnanten Satz zusammengefasst hat: „Die Einzigen, die das ablenkt, das sind pädophile Lehrer.“
Und ehrlich? Ich kann ihm da nicht widersprechen – weil diese Regel nämlich wirklich ungute Dinge über die an den Vorschriften beteiligten Erwachsenen sagt. Darüber, wie sie gedanklich offensichtlich 14-jährige Mädchen sexualisieren, wenn sie solche verhüllungsmaßnamen für Notwendig erachten. Und das ist beunruhigend in einem ganz exquisiten Ausmaß.

Tobsuchtsanfall over and out.

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5 Antworten zu Dresscode

  1. Mountfright schreibt:

    Danke, mehrfach. Nein, wir Männer sind – egal ob 14 oder 44 – nicht automatisch Hormonmonster, sobald wir einen weiblichen Körper sehen.

    Pubertierende sind natürlich irgendwo Hormonmonster – aber beide Seiten. Konsequent aber blöd wäre, den Jungs dann auch kurze Hosen und knappe T-Shirts zu verbieten. Vernünftig wäre, sich einfach raus zu halten, einschließlich der eigenen seltsamen Gedanken, und die Jugendlichen ihre Entwicklung unter sich ausmachen zu lassen.

  2. J. Hörburger schreibt:

    Möchte gern 2 Sachen sagen:
    1. Finde Ihre Argumentation in Punkt 1 und 2 richtig, stimme zu. Dazu kommt noch, dass um 8 im TV bwz. im Internet eh alles zu sehen ist und die Jugendlichen nicht von einer Schulter zu beeindrucken sind. Punkt 3 ist genauso löchrig wie die Begründung seitens der Schule.
    2. Mir ist klar, dass wir nicht mehr um 1900 leben, Mädchen wie Jungen sollen keine Umformen tragen müssen.
    Was aber meiner Meinung schon irgendwie sein sollte und im Idealfall schon von Eltern geregelt sein sollte, ist ein angemessener Kleidungsstil.
    Eine Schule ist weder eine Disko noch ein Badestrand. Es zeugt auch von Respekt gegenüber des Lehrpersonals wenn man sich ’normal‘ kleidet.
    Gegenbeispiel: ich persönlich würde gerne nackt ins Büro kommen allerdings glaube ich den Kollegen wäre es nicht recht. Daher unterlasse ich es.

    • Mountfright schreibt:

      Sarah Wassermair schrieb:

      „Ich kann ihm da nicht widersprechen – weil diese Regel nämlich wirklich ungute Dinge über die an den Vorschriften beteiligten Erwachsenen sagt. Darüber, wie sie gedanklich offensichtlich 14-jährige Mädchen sexualisieren, wenn sie solche verhüllungsmaßnamen für Notwendig erachten.“

      Sie setzen “ keine Trägerleiberl (…) und nichts, was oberhalb des Knies endet und in irgendeiner Form den Blick auf den Oberschenkel freigibt“ spontan mit Nacktheit gleich. Ohne Ihnen etwas unterstellen zu wollen – ich kenne Sie ja gar nicht… Fällt ihnen etwas auf?

      Ich bin Vater zweier jugendlicher Töchter, eine davon treibt einen Wettkampfsport, den man traditionell in kurzen (oberschenkelfreien) Hosen und Trägerhemden, manchmal auch in bauchfreien Bustiers betreibt. Was ihre männlichen, gleichaltrigen Mannschaftskameraden bei dem Anblick denken und fühlen macht mir weit weniger Sorgen als eventuelle erwachsene Männer für die es von da aus nur ein kurzer Weg zur Nacktheit ist.

  3. Sarah Wassermair schreibt:

    Ich erlaube mir, da höflichst zu widersprechen.

    Erstens: Wenn es bei der ganzen Sache um Respekt gehen WÜRDE, dann wäre das immer noch diskutierenswert – aber das tut es ja ganz offensichtlich nicht, siehe Argumentation der Schule.

    Zweitens: Wenn es bei der Vorschrift um Respekt gehen würde (was es anscheinend nicht tut), dann fände ich es immer noch bedenklich, dass solche Vorschriften in erster Linie immer Mädchen zu treffen scheinen. Sind deren Schultern inhärent un-respektvoller als die von Knaben, oder…?

    Drittens: das mag von Arbeitsumfeld zu Arbeitsumfeld unterschiedlich sein, aber würde Trägertops und knielange Röcke nicht als ‚unnormal‘ bezeichen, vor allem nicht im Sommer – oder sie gar mit Nacktheit gleichsetzen. Ich für meinen Teil habe beides schon hitzebedingt in professionellen Meetings getragen, wo mir Leute gegenübersaßen, die dasselbe taten.

  4. Eli schreibt:

    Volle Verhüllung und entsprechende Vorschriften hilft auch nicht gegen (in dem Fall versuchte) Vergewaltiger, wie eine Freundin von mir aus Teheran berichten kann. Die Vergewaltiger werden erhängt, wenn man im Einzelfall eine Heirat mit der Vergewaltigten als zu harte Strafe sieht, aber üblicherweise wird versucht eine Heirat anzubahnen, damit alles ok ist, und die „unbeherrschbaren“ Triebe weiter “legal verehelicht” hochmoralisch ausgelebt werden können. (in ö rechtlich sehr ähnlich, Heirat mit dem Opfer führt zu Strafreduktion). Stockschäge riskieren nur Männer-verwandtschaftlich unbegleitete Frauen, oder sich „entblößende“ solche, die mehr zeigen als hochgesteckte Haare.
    Nach der Lektüre von Denise Linke („Mein wunderbares Leben“) würde ich Inklusion im Schulsystem (und Gesellschaftssystem) vorschlagen, wobei ohne gegenseitigen Konkurrenzdruck und Tests den Lehrern (allen Geschlechts) die Macht genommen wird jenseits von der Autorität des Vorbilds Schüler gegeneinander aufzuhetzen und zu unterdrücken. Missbrauch findet meist durch Machtpersonen im engen Verhältnis statt, gerade Heimleiter, Priester, und nähere Familienangehörige / Onkel. Das wird man durch egal welche Kleidung nicht reduzieren. Zitat Mountfright: „eventuelle erwachsene Männer für die es von da aus nur ein kurzer Weg zur Nacktheit ist.“ Man kann den Menschen die Macht nehmen ihre Wünsche zu erpressen bzw. erzwingen und nachher mit Schweigen rechnen zu können.
    Und je bunter und mehr Leute selbstbewusst sind und ungezwungen egal welches Gewand tragen (und den Respektabstand einhalten den jeder einhalten sollte, ob in Schule, gemischtem Schwimmunterricht oder Sauna) desto besser. Dann wäre mir jede Art von gewollter Kleidung (und eigentlich auch Entkleidung) in der Schule recht, wie auch im Berufsleben. Je nach Laune und Wetter. Je mehr Auftraggeber zahlen für Wissen & Können, desto irrelevanter scheint (ihnen auch) Kleidung zu sein.
    Uniformen finde ich zwar ganz nett und manchmal eminent praktisch, aber den verordneten Kleidungs-Geschmack und (wohl schlecht anfühlende) Qualität der Stoffe würde ich eher ungern 8 bis 12 Jahre Schule aushalten wollen. Und zumindest nach japanischen Abuse-Porno-Vorstellungen sind gerade Schul-Uniformen eher unsichere Bekleidungen in Testosteron-aufgeladenen U-Bahnen.

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