Von Feigenblättern und allem drunter auch

Lasst mich mal kurz über Penisse reden.
Oder, genauer: über antike Penisse, weil da irgendwo eine faszinierende kulturhistorische Beobachtung drin ist.

Nun ist die Sache die, dass meine Familie und ich jedes Jahr um Allerheiligen herum gemeinsam ein paar Tage Kultururlaub in irgendeiner europäischen Stadt machen. Die Tradition haben wir schon länger, vor allem, weil wir uns unterm Jahr sonst eh nicht so oft sehen und dann noch weniger Zeit füreinander haben. Heurhaben wir uns Rom* ausgesucht, vor allem für meinen Vater zuliebe, der ein großer, großer Liebhaber der Antike ist.

Ich war ja ein wenig skeptisch, weil ich Rom vor allem von einem Schulausflug vor vielen Jahren in Erinnerung hab. Also: im Hochsommer, zusammengepfercht in Jugendherbergezimmer, von einer wichtigen Sehenswürdigkeit zur nächsten gescheucht. Ich hatte die Stadt also hauptsächlich als eine überheizte Touristenattraktion in Erinnerung … und hab ihr damit wirklich gröber Unrecht getan. Rom ist ein schöne Stadt, aber vor allem eine lebendige. Und zwar nicht nur durch die Leute, sondern auch durch die Häuser selbst, die teilweise etwa fünf Minuten vor dem völligen Zerfall zu stehen scheinen und sich trotzdem seit Jahrhunderten halten, organisch gewachsen, geflickt, zusammengeschustert und improvisiert. Und die überwuchert sind von sattem Grün – von den Dächern und den Fensterbänken, manchmal auch einfach direkt aus den Mauern. Farne und Sukkulenten und wilder Wein, überall rankt es und wächst es und es ist, als würden die Gebäude selber sprießen. Was hab ich mich verliebt.

Aber nachdem man einen ganzen Urlaub schlecht damit füllen kann, dass ich vor einem Haus stehe und seinen Grünbewuchs bewundere, stand natürlich doch einiges an Museumsbesuchen an. Und in diesen Museen – und jetzt nähere ich mich langsam dem Kern dieser Geschichte und den versprochenen Penissen – stehen natürlich mehr antike Statuen herum, als man am Stück anschauen kann, ohne dass einem der Kopf explodiert. Logisch, is ja Rom.

Also bleibt dem interessierten Laien eigentlich nur übrig, wenn er von der absoluten Statuenmenge nicht erschlagen werden will, sich ein oder zwei kulturhistorisch interessante Details herauszupicken, denen er besonderes Augenmerk und (in meinem Fall) Amüsement widmet. Davon ausgehend, dass ich ungefähr so erwachsen bin wie das durchschnittliche Kindergartenkind… nun, kein Wunder, dass ich bei den Steinpimmeln gelandet ist.

Die Sache ist nämlich die, dass die männlichen Statuen in exakt drei Kathegorien einzuteilen sind, ob griechisch oder römisch:

a) Kein Penis mehr oder verfeigenblattelt (fast alle)
b) sehr kleiner Penis (ein paar Glückliche)
c) ein normal großer bis beeindruckender Penis (hauptsächlich der Kelte)

A ist natürlich sehr leicht damit zu erklären, wie das Christentum in der frühen Neuzeit so drauf war: nämlich aggressivst lustfeindlich. Irgendwann kamen die Burschen anscheinend zum Schluss, dass allein der Anblick eines steinernen Gemächts jeden arglosen Passanten in gröbste Wollust stürzen könnte, ein Unheil, dass es natürlich schleunigst zu unterbinden galt. Ich find jetzt grad keine wirklich zuverlässigen historischen Quellen**, aber anscheinend hat Papst Paul IV (1555-1559) mit dem Blödsinn angefangen, Innozenz X und Clemens XIII standen aber auch um nix nach. Letzterer ließ die Feigenblätter in vatikanischer massenproduktion herstellen und an STatuen kleben (was die ebenfalls beschädigt hat, no na ned), während Papst Puis IX einfach gleich alles zerstören ließ, was noch einen unverdeckten Pimmel hatte. Insgesamt also gut ein halbes Jahrtausend von größerer Zumpferlfeindlichkeit in Rom, an deren Ende es ein Wunder ist, dass noch irgendeine Statue NICHT beschädigt worden ist.
(Quelle:https://realhousewifeadventures.wordpress.com/2014/06/04/fig-leaves-and-missing-penises-thats-how-ill-remember-the-vatican-museum/)

Was mich dabei besonders fasziniert hat ist die Tatsache, dass dass aber auch die einzigen Geschlechtsorgane sind, mit denen die Knaben so dermaßen Probleme hatte. Ein paar zerstörte Busen haben wir zwar auch gesehen, aber bei weitem nicht in der Menge, und die Hoden sind auch in erstaunlicher Zahl intakt geblieben. Ein Schelm, wer jetzt gleich mehreren der höchsten Vertreter Gottes auf Erden Penisneid unterstellen würde – ich ganz sicher nicht! – aber ein interessantes Detail ist es schon.
Ich hab im übrigen sogar mal Gerüchte gehört, dass es irgendwo im Vatikan eine Kammer gibt, wo sie immer noch die abgeschlagenen Teile aufbewahren. Stellt euch das mal vor – eine riesige Lagerhalle voller Steingemächte, Regal um Regal um Regal voll, alle säuberlich beschriftet… das Bild hat was. Noch mehr hat allerdings meine persönliche Phantasie, dass der Vatikan irgendwann in moderneren Zeiten diesen Akt des Kulturvandalismus so bereut, dass sie die Dinger wieder rausrücken. Und dass dann durch ganz Rom Priester mit einer Tuben Superkleber und Körben voller Steingut herumrennen und bei jeder Statue stehenbleiben, um alles durchzuprobieren, bis sie einen gefunden haben, der ungefähr passt.

Besonders skurril wird die Sache aber dann, wenn man sich vor Augen führt, dass bei den meisten Statuen ohnehin von Anfang… nun ja, nicht überragend viel da war. Denn bei eingehender Betrachtung der paar unverstümmelten Männergestalten fällt einem durchaus auf, dass deren Genitalien sich alle eher in den untereren Regionen der anatomischen Bandbreite bewegen. Das wiederum liegt an einer anderen Art der Prüderie, nämlich der antiken. Die Römer und Griechen fanden zu große Behängung nämlich nachgerade obszön. Einen großen Penis, das hatten Witzfiguren und Barbaren, es stand für das groteske, wilde, animalische. Der gebildete Römer von Welt hingegen hing dezent.***

Und so kam es dann, dass ich in einem bestimmten Raum des capitolinischen Museums vor einem weltbekannten Meisterwerk stehen geblieben bin, einer Gestalt von unglaublicher Kunstfertigkeit und historischer Bedeutung, kurz zwischen seine Beine gespäht habe… und einen Lachkrampf bekommen. Ich red vom „Sterbenden Gallier“, immer schon eine Statue, die ich sehr mochte, allerdings noch nie unter diesem Gesichtspunkt betrachtet habe. Wenn man es aber tut…nun, er war der Feind, angehöriger eines ‚unzivilisierten‘ Volkes, ein Wilder. Klar stellt man ihn auch so dar. Und so kommt es, dass der gedemütigte Feind, sterbend und besiegt, gleichzeitig der vermutlich größtbestückte Steinmann Roms ist.***
Und während das eben in römischer Sicht als Demütigung gedacht war, bekommt das aus einem heutiger Blickwinkel (und in einer Zeit, in der die genau so willkürlichen Größenideale mehr von der Pornoindustrie und Testosterongebeutel geprägt ist) eine ganz eigenartige Ironie.

Unterm Strich ist das a so viele seltsame Witze über Prüderie und Eitelkeit und Männerbilder drin, über wechselnde kulturelle Vorliebe und Vorurteile … nun, sagen wir mal, die Menschheit ist schon irgendwie seltsam.

(Disclaimer, weil ich grad sichergehen will, dass ich nicht aus versehen jemanden verletze, der bei dem Thema ein Körperbildproblem hat: worüber ich mich lustig mach, sind die wechselnden kulturellen Vorstellungen zum Thema ‚Penis‘ und ‚bevorzugte Penisgröße‘, nicht über Leute mit Penissen welcher Größe auch immer. Mir wurde gesagt, viele Männer sind in der Hinsicht gröber unsicher, aber vielleicht hilft es ja zu wissen, wie sehr das alles dem Geschmack der Zeit unterworfen ist. Genau so, wie so gut wie jede Frau zu irgendeinem Punkt der Geschichte mal punktgenau dem Schönheitsideal ihrer Zeit entsprochen hat, so hätte auch jeder Mann im Lauf der Geschichte mal die absolut ideale Gemächtgröße gehabt. Am End is es ja eh hauptsächlich eine Sache des Einsatzes, also macht’s euch nicht so einen Kopf, Burschen.)

*Bevor wer fragt: ja, wir haben das Erdbeben erlebt. Rom war weit genug vom Epizentrum weg, dass nichts weiter schlimmes bei uns passiert ist – nicht mal Bücher von den Regalen gefallen oder so – aber es hat uns schon recht nachdrücklich wachgerüttelt. Kann mir vorstellen, dass es näher am Ursprung für die Leute echt nicht lustig war.

**wer welche hat: her damit!

*** Während der Durchschnittseuropäer zwar niemals damit angeben würde, wie klein sein Penis ist, hat ein Teil dieser Denkweise scheinbar immer noch überlebt. Besonders hässlich hat sie ihr Haupt beispielsweise in der ganzen Asyldebatte im zusammenhang mit sexueller Belästigung erhoben – was man da auf einschlägigen Seiten über ‚riesige Negerschwänze‘ und ähnlichen Mist lesen konnte, das war alles andere als schön. Besonders dann, wenn Flüchtlingsfreundlichen Frauen unterstellt wurde, sie würden sich ohnehin nur nach ebensolchen sehnen. Für solche Leute hab ich dann echt schon nimmer viel mehr übrig als die freundliche Empfehlung, bitte zu gehen und drei Kilo Seife zu fressen.

**** Wenn man die Priapusdarstellungen und Witzfiguren aus Bordellen und so nicht mitzählt

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Eine Antwort zu Von Feigenblättern und allem drunter auch

  1. inter123netzzo schreibt:

    Deine historisch fundierte Betrachtungsweise klärt doch etliches auf…

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