Über zwei Messer

Erlaubt mir, Freunde, ein wenig über Messer und Menschen zu reden, einfach so, weil ich sonst grad nichts zu tun hab.

Gestern haben Mother Duck und ich es endlich mal zeitglich geschafft und einen der Karambit-Workshops bei Sami besucht, unserem präferierten Kampfsportstudio. Das Karambit ist ein verhältnismäßig kurzes, geschwungenes Messer mit einem Ring am Ende des Griffes, durch das man den Zeigefinger schiebt. Die Form ist angeblich einer Tigerkralle nachempfunden, was allerdings auch einfach im Nachhinein poetisch drüberinterpretiert sein kann.

Ein modernes von den Dingern sieht so aus:
karambit

Im Gegensatz zu einer normalen Klinge reißt man damit mehr als dass man schneidet und die resultierenden Verletzungen dürften ziemlich bösartig bösartig sein.  Wir waren schon mit den stumpfen Übungsmessern vorsichtig wie Sau, um nicht aus Versehen dem Partner irgendwas auszustechen, was er oder sie lieber unausgestochen behalten würde. Was hatten wir Spaß.

Heute Morgen* saß ich dann also über meiner ersten Tasse Tee des Tages, noch ziemlich trüb im Hirn,  und hab über den Workshop nachgegrübelt und über das, was so eine Waffe über ihren Träger sagt. Vor allem aber konnte ich aber nicht umhin zu bemerken, in welchem tiefen Gegensatz das Karambit zu einer anderen Klinge steht, die mich schon lange beschäftigt: dem Misericordia, zu deutsch ‚Gnadgottdolch‘.

Das ist der in meiner Sammlung:
miserecordia

Der offensichtlichste Unterschied ist natürlich, dass sie in völlig verschiedenen Kulturräumen entwickelt wurden – das Karambit in Indonesien und auf den Philippinen, der Miserecordia im Europa der frühen Neuzeit. Aber es geht tiefer. Zwischen diesen beiden Messern spannt sich ein Bogen – kulturhistorisch, funktional, psychologisch – der ziemlich viel darüber erzählt, wie wir Menschen so ticken

Das Karambit war ursprünglich etwas sehr Friedliches, ein Messer, das vor allem von Frauen in der Landwirtschaft verwendet wurde, um Wurzeln aus der Erde zu holen. Später wurde es dann für den Kampf adaptiert, behielt aber in vielen Regionen den Ruf des Bäuerlichen – und des Femininen.
„Culturally the karambit was a subject of condescension in Java because of its history as a weapon of the agrarian peasantry, as opposed to the kesatria (warrior class) who were trained in the keraton or palace. European accounts tell that soldiers in Indonesia were armed with a kris at their waist or back and a spear in their hands, while the kerambit was used as a last resort when the fighter’s other weapons were lost in battle. Nevertheless, it was popular among women who would tie the weapon into their hair to be used in self-defense. Even today, silat practitioners regard it as a feminine weapon.The renowned Bugis warriors of Sulawesi were famous for their embrace of the kerambit. Today it is one of the main weapons of silat and is commonly used in Filipino martial arts as well.
https://en.wikipedia.org/wiki/Karambit

Der Misericordia  hatte  hingegen hatte nie eine andere Funktion, als ein Leben zu beenden. Und zwar nicht einmal im fairen Zweikampf oder zur Selbstverteidigung (dafür ist er absolut ungeeignet) sondern wirklich nur dann, wenn der Gegner schon wehrlos war. Und – und das macht die zwiespältige Natur dieser Klinge aus – vielleicht sogar dankbar dafür.
Es war ein kleines, sehr spitzes Messer, das man am Schlachtfeld mit sich trug, um dem schwer verletzten Gegner den Todesstoß zu versetzen. Die letzte Gnade zu geben, daher auch die deutschen Namen ‚Gnadgottdolch‘ und ‚Gnadengeber‘. Dafür zur Sorgen, dass der andere nie wieder aufstehen wird – oder aber auch, um de Schmerz zu beenden. Die Form ist ideal dafür, um durch die Ritzen einer Rüstung zu dringen, durch ein Kettenhemd, und dann direkt ins Herz. Was sagt das über einen Krieger, der so etwas mit sich trägt? „Ich will dich tot sehen, aber nicht leidend“? oder „Du bist besiegt, bleib unten?“ Hat das wirklich etwas mit Gnade zu tun – oder mit Effizienz? Oder mit beidem?

Diese beiden kleinen Klingen, das Karambit und der Misericordia… die decken so eine weite Bandbreite von Geschichte ab, von Geschichten. Das friedliche Werkzeug, das zuerst Nahrung gebracht hat und dann Tod. Und die tödliche Waffe, in deren Name schon das Mitleid steckt. Widersprüche in sich, sehr, sehr menschliche Widersprüche.

Wir sind schon ziemlich seltsame Kreaturen, wir nicht wahr? Und manchmal zeigt sich das in den eigenartigsten Details.


*Ja, es war zugegebenermaßen etwa ein Uhr nachmittags. Aber ich komm an Sonntagen halt noch später aus dem Bett als normal, ich steh dazu. Is ja aber auch ein erstklassiges Bett und die Welt da draußen ist kalt.

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