Von Kelp und Kochbananen

Ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto stärker spüre ich die Jahreszeiten. Auf der einen Seite ist es jedes Jahr ein gröberer Kampf, damit sich die Winterdüsternis nicht in meinen Knochen einnisten kann* – aber genau so real ist halt auch die Frühlingsneugier. Dieser Moment, wenn ich eines morgens aufwache, draußen ist das Licht golden und ich weiß einfach, dass ich heute irgendetwas neues ausprobieren werde. Ich weiß noch nicht, WAS ich ausprobieren werd, aber irgendwas wird schon daherkommen.

Und so kam es also, dass ich gestern in der Badewanne gelegen bin, mit einem Buch über Geschmacksrichtungen und deren historische Hintergründe** und plötzlich völlig klar war, dass ich auf der Stelle Kombu Dashi machen muss. Ich hatte noch nie vorher das Bedürfnis, plötzlich aufzuspringen und zu deklarieren: „Wahrlich, welchen Sinn hat das Leben, wenn ich nicht auf der Stelle einen japanischen Kelpsud aufsetzen kann, dessen chemische Zusammensetzung Anfang des zwanzigsten Jahrhunders zum ersten Mal wirklich untersucht worden ist und der auf Grund seines hohen MSG-Gehaltsdie Basis für einen Großen teil der vegetarischen japanischen Küche darstellt!“. Echt noch nie. Aber es ist halt Frühling, da passiert seltsames Zeug.

Keine zehn Minuten später (jetzt aus der Badewanne und noch sehr verstrubbelt) hatte ich herausgefunden, dass es keine zehn Gehminuten von mir entfernt tatsächlich einen kleinen Asiashop gibt. An dem ich sicher schon mehrmals vorbeigekommen sein muss, er liegt direkt an der Straßenbahnstrecke, die ich zwei- bis dreimal Wöchentlich zum Training nehmen. Nur bewusst AUFGEFALLEN*** ist er mir noch nie, und drin war ich erst recht nicht – ein übles Versäumnis, dass ob meiner plötzlichen Seetangbedürfnisse natürlich auf der Stelle korrigiert werden musste.

Und tatsächlich ist es ein Japanisch-Chinesischer Laden, allerdings nicht die Touristenversion vom Naschmarkt, sondern so ein kleines Loch in der Wand in einer Seitenstraße, wo sie ganze getrocknete Tintenfische anbieten und nur ein kleiner Teil von allem in einer sich mir erschließenden Sprache beschriftet ist. H
Wenn ich eh schon grad neugierig bin, dann ist es vielleicht eine suboptimale Idee, in einen Laden zu gehen, der lauter fremdes Zeugs enthält, dass ich nicht kenne und noch nie gekostet habe. Ich hab mich dann sehr zusammengerissen (glücklicherweise hatte ich nicht viel Zeit), und hab nur ein paar Kleinigkeiten mitgebracht, die ich noch dazu alle identifizieren kann:

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Und jetzt weicht in meiner Küche fröhlich Seetang ein, ich hab Inari-Sushi zum Frühstück gehabt und in ein paar Tagen probier ich nochmal, diesen absurd geilen afrikanischen Kochbananen-Tomaten-Eintopf nachzukonstruieren, den ich mal bei einer kamerunischen Bekannten gekostet hab. Und vor allem: in Hinkunft brauchen komplizierte Rezepte mit mysteriös klingenden Zutaten keinen Trip mehr bis zum Naschmarkt, sondern nur einen kleinen Spaziergang hier ums Eck.

Insgesamt: Leben gut, Sarah zufrieden. (Und satt.)

*Ich besitze mittlerweile drei Tageslichtlampen – deren effektivste aber mit abstand mein Tageslichtwecker ist, der schon dreißig Minuten vor der Weckzeit anfängt, langsam das Licht hochzufahren. Laut Studien sind wir in der früh viel, viel empfänglicher als Licht, es braucht viel weniger für wirkliche Stimmungsaufhellung. Und meine Güte, ich kann bestätigen: das Ding hilft, sowas von.

**“Eight Flavors: The Untold Story of American Cuisine“ von Sarah Lohman. Faszinierend und gerade im momentanen politischen Klima sehr zu empfehlen, weil fast jede Story damit beginnt, dass jemand seine Heimat verlässt, um sie anderswo zu finden

*** Zugegebenermaßen, mir fällt viel nicht auf, weil ich dazu neige, die meiste zeit ein winziges bisschen in Gedanken zu sein. Eine absolute Studie des Gegensatzes ist da beispielsweise Razors liebreizende Gattin, die wir intern gerne ‚Sherlock‘ nennen, weil ihr ALLES auffällt. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch ist und ich mit ihr in meinem Viertel unterwegs war, erzählt sie mir nachher Sachen über den neunten Bezirk, die ich seit fünf Jahren nicht bemerkt hab. Das nächste Mal, wenn ich mich hier in Wien verlaufe, werd ich vermutlich sie in Leverkusen anrufen und fragen, wo ich grad bin. Die Frau ist faszinierend.

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Eine Antwort zu Von Kelp und Kochbananen

  1. Mountfright schreibt:

    “ Ich weiß noch nicht, WAS ich ausprobieren werd, aber irgendwas wird schon daherkommen.“ – Sie ist Sherlock, Du the Doctress? Schön, wenn Du wieder glücklicher bist. 🙂

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