Wenn ich tagsüber laufen gehe, habe ich eine fixe Route – nachts weniger, weil die Stadt mich zu sehr anzieht, die geheimnisvollen Winkel, die im Licht der Straßenlaternen so ganz anders, so viel tiefer sind als bei Sonnenlicht. Nachts mäandere ich viel mehr, bleibe mal hier eine Weile vor einer Fassade mit tanzenden Bären stehen, atme dort tief ein, weil der Jasmin in einem Innenhof blüht. Beobachte alte Häuser, als wären es lebende Kreaturen, die sich jeden Moment im Schlaf regen können. Und gerade Wien ist so reich an seltsamen Funden, und mein Bezirk ganz besonders.

Heute war es ein Laden in einem alten Haus, durch die Schaufenster späht man in einen ein Dschungel aus Blüten, so dicht und üppig und überbordend, dass es an die Seele rührt. Und erst auf den zweiten Blick wird mir klar, dass um die Jahreszeit ganz sicher kein Flieder blüht, sicher kein Mohn, und dass jede einzelne Blüte aus Plastik und Seide ist, ein steriles Schaubild von Leben. Und dennoch bleibe ich stehen, dennoch meine ich fast, die Blumen riechen zu können, weil die Illusion so perfekt ist, zumindest jetzt in der Dunkelheit. Morgen wird es anders aussehen, aber ich werde mich auch hüten, tagsüber in die Nähe dieses Hauses zu kommen. Ich will mir den Nachtdschungel bewahren.

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