Von Reisenden

Ich habe einen unglaublichen Respekt für Reisende. Ich mein nicht allgemein Leute, die sich in ein Flugzeug setzen und dann zwei Wochen lang irgendwo in Mali am Strand sitzen und sich Cocktails mit kleinen bunten Schirmchen servieren lassen, oder Leute wie mich selbst, die aus beruflichen Gründen oft im Zug sitzen, oder sonstirgendwie einfach nur die Defintion von ‚Größere Bewegung von A nach B‘

Ich meine einen gewissen Typ Mensch, der mit der besonderen Begabung ausgestattet ist, in andere Länder zu kommen und sie zu SEHEN. So, wie sie sind, nicht so, wie sie in Prospekten beschrieben sind. Mit ihren Problemen und ihrer Schönheit, mit den Menschen dort, allem, was die Kultur besonders macht – und alles, was sie mit der Menschheit im Großen verbindet. Sie lassen die Welt größer und enger zugleich erscheinen, und unendlich viel reicher. Anthony Bourdain war einer von diesen Begabten, denke ich, und darum war sein Tod so schmerzhaft. Weil viele von uns gespürt haben, dass die Welt etwas besonderes verloren hat, wenn er sie nicht mehr ansieht.

Ich hatte in meinem Leben das Privileg, zumindest einen von diesen reise-begabten Menschen persönlich kennenzulernen – nämlich Herrn Professor D., unser Französischprofessor am Gymnasium, und jahrelanger Klassenvorstand. Der ist zwar an meiner sprachlichen Unfähigkeit eher verzweifelt (und an unserer allgemein sehr aufmümpfigen Klasse), aber gleichzeitig hat er uns alle immer fasziniert mit seiner Art, über seine vielen Reisen zu erzählen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir aber unsere letzte Stunde mit ihm, vor der Matura. Anstatt uns groß irgendwelche Vorträge zu halten, was wir mit unserem Leben machen sollen, wie es in den letzten vier Jahren so war, was wir von der Uni zu erwarten haben, und sonstwas… hat er uns einfach nur erzählt. Und zwar von drei kleinen Begegnungen, die er auf seinen Reisen hatte: mit Marillenbauern in Pakistan, wo die Morgendämmerung so bezaubernd war, dass man versteht, warum die Griechen sie die ‚Rosenfingrige‘ nannten. Mit einem einheimischen Herren Mittelamerika, mit dem er sich ohne Worte eine Zigarre geteilt hat. Und mit einer alten Frau in Tibet, mit langem weißen Zopf, die den Dalai Lama vermisst und seine Rückkehr wohl nicht mehr erleben wird.

Es waren drei kleine Geschenke, die er er uns gemacht hat, mit diesen drei Geschichten, und es war danach sehr still im Raum. Wir haben Herrn D. nie klar machen können, wie sehr wir ihn als Lehrer schätzen (wie gesagt, sehr aufmümpfige Klasse), aber ich denke immer wieder einmal an diese letzte Stunde, zwölf Jahre später noch. Grad heute, grad bei dem, was alles weltweit alles passiert – die Welt braucht diese Art von Wanderern. Ich bin froh, dass es sie gibt.

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