Von Klimaschutz und wütenden alten Leuten

Dass ich Greta Thunberg abgrundtief liebe und ihr allen Erfolg und alle Kekse des Planeten wünsche, dürfte hier wohl keinen besonders überraschen.

Dass mich die freitäglichen Schulstreiks selig machen, wohl auch nicht. Ich hab mit 15 noch mit meinen Altersgenossen Schreiduelle zum Thema ‚Klimaschutz‘ gehabt – und jetzt geht die junge Generation zu tausenden und abertausenden dafür auf die Straße. Ich könnt heulen deswegen, und ich gestehe es: manchmal tu ich das auch.

Was ich seit Wochen natürlich auch beobachte, ist die unsagbare Arroganz, mit denen viele Erwachsene diesen jungen Leuten begegnen. Sei es ein Christian Lindner, der erklärt, sie würden die ‚globalen Zusammenhänge‘ noch nicht verstehen, sei es der deutsche Bundeswirtschaftsminister, der erklärt, sie sollen lieber eine Ausbildung kriegen und in zehn Jahren dann die Welt ändern, seien es die alten Säcke online, die darüber sabbeln, dass ‚auf den Schulhöfen so viel Mist herumliegt, von so jemanden lasse ICH mir kein Schlechtes gewissen machen’… der Tenor ist ziemlich immer derselbe, die stumpfe herablassung im Tonfall auch.

Und auf der einen Seite lässt mich jeder dieser Sprüche vorm Mund schäumen wie einen tollwütigen Chihuaha, weil… echt jetzt? Die Generation, die die Welt angezündet hat, erklärt der Generation, die gerade eine Löschkette zu bilden versucht, dass sie das alles noch nicht versteht? ECHT JETZT? Ich könnt so viel dazu sagen, aber ich hab noch Cupcakes zu backen heute, also beschränken wir uns einfach auf: Fuck. You. Very. Much. Ihr. Reaktionären. WICHSBEUTEL.

Auf der anderen Seite: die Herablassung in diesen Wortmeldungen fasziniert mich auch, weil sie auch aus Wut geboren scheint. Der verwirrten, hilflosen Wut darauf, dass Greta und ihresgleichen die Rangordnung angreifen, die diesen Typen ihr Leben lang Sicherheit gegeben hat.

Ich erinnere mich daran, als ich in dem Alter war – sechzehn, auch ein pubertierendes Mädchen mit Zöpfen, wenn auch nicht ein Viertel so cool wie Frau Thunberg. Und ich erinnere mich, wie ich dabei war, wie in kleinem Rahmen einige Erwachsene mit einem Lokalpolitiker über einen politischen Fall gestritten haben. Ich geh jetzt nicht auf die Details des Falles ein, der Punkt ist, dass ich mir das eine Zeit lang angehört und mich dann eingemischt hab. Dem Lokalpolitiker meine Meinung gesagt hab, inklusive dem Satz: „Du verrennst dich da, weil es gegen dein Ego geht.“

Und meine Güte, Kinder, ihr werdet nicht glauben, was ich dafür an Donnerwetter kassiert hab. Und zwar nicht, weil ich nicht in der Sache Recht gehabt hätte – das stand nie zur Debatte, die meisten Erwachsenen im Raum waren ja exakt derselben Meinung.
Sondern, weil man das als sechzehnjähriges Mädchen nicht tut. (Wurde mir quasi wörtlich erklärt.) Ein sechzehnjähriges Mädchen hat nicht einen erwachsenen Mann, am Ende noch einen Würdenträger, zur Rede zu stellen und ihm seine Verfehlungen nachzuweisen. Das geht nicht. So läuft die Welt nicht. Das ist eine Beleidigung für ihn, ein Bruch der Rangordnung – egal, wie sehr alles stimmt, was sie sagt.

Und ich glaube, viel vom Momentanen Zorn und der Herablassung gegen die Fridays-For-Future-Bewegung kommt genau daher. Von der Fassungslosigkeit einer älteren Generation, die so gewohnt war, das Sagen zu haben, weil sie älter ist, und Würdenträger, und eh weiß, wie es geht – und plötzlich ignorieren die jungen Leute die Rangordnung.

Plötzlich fordert ein sechzehnjähriges Mädchen – nein, eine junge Frau, machen wir sie auch nicht in der Sprache klein – Rechenschaft von den großen alten Leuten, und die Jungen scheißen auf die alte Rangordnung. Weil es sein muss. Weil das der einzige Weg ist, den sie sehen, weil sie keine Zeit mehr verlieren können, bis sie selber alt und gediegen sind. Weil der Hut jetzt brennt, und wir als Menschheit JETZT handeln müssen, während die alte Generation gerne lieber noch vierzig Gipfel machen und in ihren Privatjets anreisen und von den „wirtschaftlichen Machbarkeit“ schwafeln würde.

Plötzlich ist die Welt verkehrt, und die jungen gehen zu zehntausenden auf die Straße, und ein Herr Bundeswirtschaftsminister wird von einer Gymnasiastin im Fernsehen moralisch vorgeführt, einer Beinahe-schon-Person, der er viel lieber den Kopf* tätschen würde, und ein paar kluge Lebensweisheiten auf den Weg mitgeben.

Oida, muss das wehtun. Oida, müssen die verwirrt sein.

Und Oida, find ich das glorios.



*und das ist die wohlmeinende Annahme, Körperstellenmäßig



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Eine Antwort zu Von Klimaschutz und wütenden alten Leuten

  1. Mountfright schreibt:

    Wie an anderer Stelle schon gesagt: Es gibt so viele Menschen meines Alters, die einfach nicht verstehen, dass Alter und Erfahrung hier bedeutungslos sind. Dass unsere Erfahrung uns nicht auf ein globales Ereignis vorbereitet hat, dass unvermeidlich kommt und dem wir nur begegnen können, indem wir unseren Lebensstil unbequemer machen, ohne Möglichkeit der Diskussion oder des Kompromisses.

    Auf der anderen Seite: Noch sagen die Jüngeren zu uns (Älteren): „TUT WAS! Ihr sitzt an den Hebeln, bewegt sie bitte.“ Oder anders – da ist noch ein Rest Vertrauen, die Hand zum Bündnis ist noch ausgestreckt. Wenn wir sie nicht ergreifen, werden sie bald sagen: „Weg von den Hebeln. Gebt sie uns. Freiwillig, oder….“

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