Von Tee, und etwas weniger Tee, und einer Zufriedenheit

Unanständiges Geständnis: ich LIEBE ausmisten. Ehrlich. Wenn ich unenspannt bin, wenn ich einen schlechten Tag hab – dann macht mich kaum was glücklicher, als mich vor ein Regal oder ein paar Kisten zu setzen und herauszufinden, was davon ich nicht mehr unbedingt brauche. Besondres praktisch ist, dass es hier im Haus ein art inoffizielles Tauschfensterbrett gibt – ein Fensterbrett im Flur, auf das jeder Zeug stellen kann, dass er nicht mehr haben will. Irgendwer nimmt es dann schon mit. Ich LIEBE dieses Fenster und hab für meinen Teil schon ein paar Zimmerpflanzen von dort mitgenommen, noch lieber aber schlepp ich Zeug hinunter.

Hab ich erwähnt, dass ich ausmisten liebe? Noch mehr als das Ausmisten liebe ich das Ausgemistet-haben, dieses frei Gefühl in der Brust, dass wirklich nur noch Zeug da ist, das man wirklich will und braucht und gern hat. Dass kein Klump mehr im Weg herumsteht und einem Platz wegnimmt und Staub sammelt.

Ich hab diese Woche zum ersten Mal seit längerem wirklich wieder etwas Luft gehabt (die nächste Projektbesprechung ist erst am Mittwoch, bis dahin erwartet niemand was von mir), also hab ich – ihr werdet es unschwer erraten – mich ein wenig mit Ausmisten entspannt.

Die letzten Tage waren die Bücherregale dran, heute aber etwas, das mich selbst verblüfft hat – und zwar mein Teeregal. Eben das Regal in meinem Küchenschrank, in dem sich über Jahre angesammelte Teedosen türmen, frein säuberlich sortiert nach aromatisierte Tees, Früchte- und Kräutertee, Grünem Tee, Oolong, Schwarzem Tee (fein) und schwarzem Tee (herb), und mit allem, was es dazwischen sonst noch gibt.

Ja, ich mag meine Teesammlung, sehr. Ich horte das Zeug wie ein besonders teeinsüchtiger kleiner Drache, wie jemand, der befürchtet, das die nächste Teeknappheit kurz bevor steht.

Aber auch, ja: ich trink das ganze Zeug nicht. Oh, ich trinke viel Tee, täglich Tassenweise und mit großem Genuss, aber der kommt fast immer aus meinen drei Alltags-Teebüchsen direkt neben dem Wasserkocher. In einer ist ein dunkler Assam, im andern entweder Milky Oolong oder Jasmintee, in der dritten irgendetwas, das mir dieser Tage gerade in die Laune passt. Momentan ein sehr köstlicher Chai, nächste Woche kann’s schon wieder was anderes sein.

Die Tees im Regal? Die stehen dort und verstauben, verlieren Farbe und Geschmack und sind irgendwann traurige Geister ihrer selbst. Und guten Tee verderben lassen ist auch irgendwie eine Schande.

Also hab ich das Regal kurzerhand aufgelöst. Jetzt steht neben den drei Alltagsbüchsen ein kleines Tablett mit ein paar ausgewählten Lieblingspezialitäten, die ich nicht oft trinke, aber die ich im Zweifelsfall nicht missen will (Genmaicha, ein guter Darjeeling, mein heißgeliebter Tuo Cha, der köstliche Grüntee, den Eva mir aus Japan mitgebracht hat…). Die dürfen dort bleiben und wohnen jetzt in meinen schönsten Teedosen, oder in denen, mit denen ich irgendeine Geschichte verbinde.

Alle anderen Tees sind entweder als zu alt/allgemein grauslich in den Müll gewandert oder stehen jetzt auf der Anrichte, damit ich sie im Lauf der nächsten paar Wochen verbrauchen und dann ihre jeweiligen Teedosen aufs Tauschfensterbrett stellen kann.

Und das fühlt sich nicht nur auf seine übliche Ausmist-Befreiungs-Art gut an, sondern auch auf eine andere. Als ich nämlich mit 23 in diese Wohnung hier gezogen bin, hätt ich mir nie träumen lassen, dass ich das mal tue. TEE REDUZIEREN! Echt jetzt. Ich hätt gelacht und drauf hingewiesen, dass man nie genug von dem Zeug haben kann, und dass jede Reduktion eine Perversion ist. Aber jetzt, mit dreißig, lächel ich mein altes selbst milde an und denk mir: Ja, aber du wirst lernen, was du am liebsten magst. Du wirst lernen, dass du einen Alltagsassam brauchst, und einen Milky Oolong, und eine Kuriosität zusätzlich. Du wirst lieber besonders frischen Tee haben, als viel davon, und du wirst froh sein um den zusätzlichen Platz für deine Kochbücher.

Und das ist jetzt wirklich keine große Selbsterkenntnis, kein riesiger Erkenne-dich-selbst-Moment. Aber… ich weiß, welchen Tee ich mag, und ich kenn mich damit ein ganz kleines bisschen mehr selbst. Und in zehn, zwanzig, dreißig Jahren werd ich mich vielleicht noch ein wenig mehr selber kennen, und die Teedosenkonfiguration wird sich wieder verändern, und irgendwie… irgendwie macht mich das ein ganz klein bisschen fröhlich.

Ich weiß auch nicht genau, warum. Ich trink jetzt auf jeden Fall mal ein Tässchen.

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