Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte -Teil 8

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Wie umwirbt man eine Frau, die einen verachtet, deren Namen man nicht kennt und die als oberster Geheimdienstleiter der Königin von England dient? Blumen waren zu simpel. Schmuck trug sie keinen. Und Pralinen würde sie wahrscheinlich einfach nur mit Arsen versetzen und an den französischen Botschafter weiterverschenken, womit zwar dem Land, aber nicht Alischas Liebesleben geholfen wäre. Er überlegte kurz, einfach den Mittelteil zu überspringen und ihr gleich den Kopf des betreffenden Botschafters zu bringen – sein Vater hatte seinerzeit seine Mutter erfolgreich mit einer ähnlichen Geste umworben – aber seine Crew drohte mit Meuterei, wenn er innerhalb von einem Monat gleich zwei Weltmächten ans Bein pinkelte. (Und nur einer davon metaphorisch.) Nein, es gab nur eine Möglichkeit: er musste sich in ihren Augen als Held beweisen! Während er und seine Crew bisher immer eher zufällig über tödliche Gefahren gestolpert waren, verbrachte er nun die nächsten zwei Jahre mit der Jagd danach.
Kreuz und quer über den gesamten Globus führte Alischa seine Suche: Er lieferte sich mit der spanischen Armada Verfolgungsjagden und kämpfte gegen gigantische Seeschlangen. Er drang in das Geheimversteck des gefürchteten Nekromanten Baldachius Prim ein und füllte sein Zombieheer mit bestem kubanischem Rum ab, bis es noch untoter war als ohnehin schon. Er verhandelte einen Friedensvertrag zwischen zwei verfeindeten Clans von Riesenkraken und wettete mit einem Seeteufel um seine Seele. Einmal segelte er sogar direkt in den Ewigen Sturm, nur, um den Wetterbericht zu bestätigen. Irgendwann gab es sogar Norbert auf, ihr baldiges Ableben anzukündigen – stattdessen bastelte er sich ein Schild – „WIR WERDEN STERBEN“ – das er nur noch hochzuhalten brauchte.

In regelmäßigen Abständen kehrte Alischa zurück nach England, um seiner Arbeitgeberin mit dem roten Haar Bericht zu erstatten. Er stand dann vor ihrem Schreibtisch, mitgenommen, zerzaust, manchmal noch blutend, in einem legendären Fall sogar nur mit leicht verkohlter Unterwäsche bekleidet, und brachte ihr seine Heldentaten dar wie andere Männer Blumen. Und stets erhielt er nur dieselbe Reaktion: eine hochgezogene Augenbraue und ein nüchternes: „Ganz interessant, aber das nächste Mal bleibt bitte im Budget.“

In seiner Verzweiflung wandte sich Alischa schließlich an eine alte Freundin seiner Mutter. Madame Susurna war legendär sowohl für ihre präzisen Weissagungen als auch für ihren Mandelkuchen. Während Alischas Crew über letzteren herfiel, als hätten sie seit drei Monaten nichts mehr gegessen, schilderte Alischa der alten Hellseherin sein Problem. Sie hörte ihm aufmerksam zu, strich nur hin und wieder gedankenverloren über das Gefieder der Krähe, die auf ihrer Schulter saß. Alischa hatte auch ein Portrait seiner Angebeteten mitgebracht und Madame Susura begutachtete es eingehend. Die Stille streckte sich zwischen ihnen, nur durchbrochen vom gelegentlichen Rascheln, wenn die Krähe ihre Flügel bewegte, und vom Schmatzen der Mannschaft aus dem Nebenzimmer. Schließlich hob Madame Susura den Blick, sah Alischa aus kohlumrahmten Augen bis in die Seele, und stellte die entscheidende Frage: „Was soll das heißen, du hast immer noch nicht in alle Meere gepinkelt?“

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5 Antworten zu Der Pirat, der in alle sieben Weltmeere pinkeln wollte -Teil 8

  1. Mountfright schreibt:

    Hat dies auf schreckenbergschreibt rebloggt und kommentierte:
    Derweil stellt sich Sarahs Pirat mit Mission eine knifflige Frage: „Wie umwirbt man eine Frau, die einen verachtet, deren Namen man nicht kennt und die als oberster Geheimdienstleiter der Königin von England dient?“ Alischa wird eine Antwort finden, da bin ich sicher. Wahrscheinlich keine optimale Antwort… Aber eine Antwort.

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