Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 9

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In der Zwischenzeit ergaben sich auf der Feste des Erstaunlich Dauerhaften Unheils unvorhergesehene Komplikationen.

Deren wahre Tragweite zeigte sich aber erst nach und nach – am ersten Tag nach Fräulein Niedermaiers Verbannung war Salamacian noch mit leichten Herzen und einem Lied auf den Lippen aufgewacht. Zugegebenermaßen, das besagte Lied war ein Requiem in D Minor, aber sogar in Zeiten höchster Vergnügtheit galt es eben, gewissen Berufsstandards einzuhalten.
Er war aufgestanden, hatte geduscht und sich dann ein paar Stunden lang entspanntem Dämonenbeschwören hingegeben, ohne die geringste pinienfrische Sabotage fürchten zu müssen. Danach folgte zwecks körperlicher Ertüchtigung ein Ausritt ins nächste Dorf, wo er in aller Ruhe seine Untertanen bis aufs Blut knechtete, bei der Bestrafung winzigster Vergehen grausame Willkür walten ließ und außerdem einen vorzüglichen Ziegenkäsestrudel zu Mittag aß.

Der Nachmittag war schließlich der Lektüre verbotener Schriftenrollen aus den Ruinien der Tempelstadt Xoranas gewidmet – die danach niemand, absolut niemand wieder alphabetisch einsortierte, nachdem sie mit einem Kuli die Rechtschreibfehler korrigiert hatte – und dann ging es ab ins Bett, wo das Nachtkästchen segensreich, glorios, unnachahmlich frei von jeder Tasse Kakao war. In dieser Nacht schlief Salamacian wie ein diabolisches Baby und träumte von der großen Freiheit.

Der zweite Tag dagegen begann mit einer Krise. Eigentlich hatte er vorgehabt, zu Übungszwecken am lokalen Friedhof eine kleine Untotenarmee auferstehen zu lassen – aber nun konnte er partout seine beste novembernachtsschwarze Nekromantenrobe nicht finden. Normalerweise hatte Frau Niedermaier die ihm immer frisch gewaschen und gebügelt bereitgelegt, jetzt war und blieb das Kleidungsstück aber spurlos verschwunden.
Nachdem er seine Gemächer mehrmals auf den Kopf gestellt hatte, musst er sich schließlich mit seiner zweitbesten Robe in langweiligem Krähenfederschwarz1 zufrieden geben. Das nahm der Sache aber so sehr ihren Reiz, dass er die Zombies nur ein paar Runden im Kreis herumschlurfen ließ, bevor er sie zurück in ihre Gräber schickte. Zurück in der Feste erwartete ihn die nächste Überraschung.

Und zwar ein eklatanter Mangel an Mittagessen.

Salamacian wartete eine Dreiviertelstunde im Speisesaal auf die Dienerschaft, die ihn normalerweise um die Uhrzeit längst umschwirren sollte wie ein Schwarm angsterfüllter Vögelchen, um ihm ausgesuchte Delikatessen und dunklen Wein zu kredenzen – doch niemand kam. Schließlich trieb ihn der Hunger durch die Gänge, auf der Suche nach der Küche. Er hatte bisher noch nie Anlass gehabt, sie zu betreten, und nur eine vage Ahnung, wo in der Festung sie sich befinden musste. Vermutlich irgendwo in der Nähe der Folterkammern… links vorbei am Giftpflanzengewächshaus… irgendwo hinter der Halle mit den ausgestopften Raubtieren… irgendwo… tiefer im Untergeschoss…irgendwo…

Salamacian hatte gewusst, dass die Feste groß war. Aber ihm war nie ganz klar, WIE groß – im Lauf seiner Suche entdeckte er zwar mehrere neue Kellergewölbe, eine zusätzliche Bibliothek und sogar den geheimen Zugang zum Nordflügel, den die Familie schon zu Zeiten von Salamacians Urururgroßvater verloren gegeben hatte. Nur die Küche fand er nicht.

Als er schließlich wieder bei seinem Laboratorium ankam, dämmerte es draußen und Salamacian war hungrig genug, dass ihm sogar eine Tasse Kakao widerwillig recht gewesen wäre. Nun gut, dachte er, er war immerhin nicht umsonst einer der mächtigsten Dämonenbeschwörerer der mittleren Lande: er würde schlicht und ergreifend einen dienstbaren Geist aus dem Abgrund heraufbeschwören und diesem dann befehlen, ein Festmahl aufzutragen.
Nichts leichter als das – sogar der Pfuscher Faust hatte das so weit hinbekommen, und in der Hölle wurde aus unerfindlichen Gründen eine anz erstaunlich delikate Brokkoliquiche hergestellt, mit leichten Rauch- und Schwefelnoten.

Allein beim Gedanken lief Salamacian schon das Wasser im Mund zusammen – und so betrat er sein Labor vielleicht mit etwas zu viel Eile.




1Nachdem die Totenbeschwörermode sich weitgehend auf Schwarztöne beschränkt – den gelegentlichen blutroten Akzent abgesehen – hatte die lokale Bekleidungsbranche sich schnell angepasst und bot dem distinguierten Nekromanten eine breitgefächerte Palette an, beginnend bei „internationales Nekromanten-Standardschwarz“, über das etwas speziellere „Winternacht-während-einer-Mondfinsternis-Schwarz“ bis hin zu Sondereditionen wie „10000-Meilen-unter-dem-Meer-und-kein-Anglerfisch-in-Sicht-Schwarz“.

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15 Antworten zu Der Dunkle Fürst und das Fräulein Niedermaier – Teil 9

  1. Mountfright schreibt:

    Hat dies auf schreckenbergschreibt rebloggt und kommentierte:
    Tja, Salamacian – be careful, what you wish for. 😀

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