Das Museum Essentieller Artefakte – Ein Liebesbrief

Bin heute ziemlich spät dran, weil es ein – wider erwarten – erstaunlich aufregender Tag geworden ist, mit drei verschiedenen Projekten, die alle plötzlich Samstag Abend noch Aufmerksamkeit und Chaos gebraucht haben. Happens.

Also, heute im Museum:

Ausstellungsstück 734

Ein Liebesbrief, kaum leserlich

Es handelt sich bei diesem Schriftstück um den Brief eines namenlosen Seemanns heim an seine Liebste, ein gewisses Fräulein Elise Sendling aus Simmering. Der Text ist schwer von Zeit, Tränen und Meerwasser beschädigt, unsere Experten konnten jedoch zumindest Teile wieder lesbar machen. 

18. April 1873

Liebste Elise,

heute haben wir (unleserlich) und (unleserlich) unter einem tief bewölkten Himmel. Die (unleserlich) haben getanzt, anders kann ich es nicht beschreiben. Sind immer wieder aus den Fluten aufgetaucht, haben unser Schiff mit ihren Armen liebkost wie andere eine Geliebte. Unser erster Maat ist vom Anblick wohl verrückt geworden, zumindest (unleserlich) er seit vielen Stunden. Wir stören ihn nicht weiter, versuchen ihn nur hie und da dazu zu bringen, dass er einen Schluck Wasser trinkt. Meine Elise, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dich vermisse und an dich denke, vor allem wenn ich Nachts (unleserlich). Dies ist vermutlich der letzte Brief, den du von mir bekommen wirst, denn längst haben wir eingesehen – von dieser Küste führt uns vermutlich nichts mehr (unleserlich). Aber ich bereue nichts, denn hätten wir nicht (unleserlich), welche Wunder (unleserlich). 

Oder doch, eines bereue ich – dass ich dir niemals selbst erzählen werd können, wie schön die (unleserlich) tanzen. Oh, wie sie tanzen, meine Elise. Wie sie tanzen…

In Liebe,

(unleserlich)

Der Brief ist auf die herausgerissene Seite eines Tagebuches gekritzelt, mit einer Tinte, die laut chemischer Analyse zwar von einem Tintenfisch stammt – aber von keiner Spezies, die der Wissenschaft bisher bekannt ist. Auch weiß niemand, wie der Brief seinen Weg bis nach Wien gefunden hat. Frau Sendling war später viele Jahre lang glücklich mit einem Gärtner verheiratete und zog mit ihm sieben Kinder groß – den Brief bewahrte sie aber bis an ihr Lebensende in einem kleinen Kästchen neben ihrem Bett auf. Dort hat ihn einer ihrer Urenkel gefunden und an unser Museum übergeben.

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Eine Antwort zu Das Museum Essentieller Artefakte – Ein Liebesbrief

  1. Mountfright schreibt:

    Hat dies auf schreckenbergschreibt rebloggt und kommentierte:
    Soooo viele unerzählte Geschichten in einem einzigen Katalogeintrag. Schön ❤

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