Von einem Museum, einem Piraten und großem Dank

Hey Leute,

und da sind wir also: 77 Geschichteneinträge später, am Ende der Lockdowns, am Ende dieses kleinen Projekts. Wir danken euch beide sehr dafür, dass ihr da wart – für eure Gesellschaft an unserem kleinen Lagerfeuer, für’s Mitlesen, für’s Existieren.

Und ich wiederum danke sehr spezifisch dem Schreckenberg’schem für’s Mit-Mir-Erzählen und Franziska und Jürgen, die dafür gesorgt haben, dass es Alischas Abenteuer jetzt auch als Hörbuch gibt. (Wer’s noch nicht kennt und Lust hat, der findet das famose Teil hier.)

Ab morgen in diesem Blog dann wieder das ’normale‘ Programm, also ‚Sarah quasselt über alles, was ihr so einfällt, über Aquarien im besonderen.)

Zum Abschluss heute ein kleines Cross-Over-Museumsstück, das auch die eingesessenen Adventkalenderempfänger noch nicht kennen. Jetzt wird nämlich endlich mal geklärt, das damals eigentlich mit dem Pinkelnden Piraten und dem Nörgelden Norwegischen Wassereinhorn abgegangen ist.

Ich dank euch,
S.

Ausstellungsstück 89008:

Abgesägte Hornspitze eines Nörgelnden Norwegischen Wassereinhorns

Einhörner gelten mitunter als die elegantesten, ätherischsten Wesen, die mit zartem Huf auf dieser Erde wandeln. Scheu huschen sie durch die entlegensten Wälder, um nur unter den ältesten, weisesten Eichenbäume ihr Haupt in den Schoß einer reinen Jungfer zu betten. Wer einem von ihnen begegnet fühlt sich gesegnet bis zu seinem letzten Tag.

Nun, das Nörgelnde Norwegische Wassereinhorn ist eine komplett andere Kategorie. Beispielsweise, weil sich in der Geschichte der Welt noch niemand gesegnet gefühlt hat, einem begegnet zu sein. Um das Lexikon Absonderlicher Arten von Alberich von und zu Brünzelberg-Hündelsbrünz* zu zitieren:

“Das Nörgelnde Norwegische Wassereinhorn ist nach dem Ort seiner Erstentdeckung benannt, ist aber in den meisten Europäischen Süß- und Brackgewässern heimisch. Auch in Großstädten, wie beispielsweise die Kanalisation unter der Stadt Wien, wurden sie schon gesichtet. Das NNW zeichnet sich durch zwei Dinge aus: seine Tendenz zum Kettenrauchen und seinen überaus übellaunigen, ja nachgerade dauersuderanten Charakter. Es ist absolut unmöglich, ihm irgendetwas recht zu machen, und der Versuch allein ist in mehreren Ländern als Beweis der geistigen Umnachtung gerichtszulässig.”

Die vorliegende Hornspitze stammt aus dem Nachlass des Piraten Alischa Salomonius Dorotheus Sherry, der natürlich versucht hatte, es einem NNW recht zu machen. Über das, was danach passiert ist, ist die moderne Forschung bestens aus einer Primärquelle informiert: dem Tagebuch von Alischas leidgeprüftem ersten Maat, Norbert.

“Ist ein Einhorn, hat er gesagt. Ist eine Kreatur von großer Reinheit und Güte, hat er gesagt. Wir brauchen das Geld, hat er gesagt.

Wie üblich hat er einen Haufen von sich gegeben, unser geliebter Käpten, aber gestimmt hat echt nur das Letzte. Wir waren wirklich ziemlich pleite, aber auch nur weil er den Großteil unseres Ersparten für eine Schatzkarte ausgegeben hat, die er für sein großes Pinkelprojekt unbedingt braucht. Ich hab da nicht so genau nachgefragt, weil meine Therapeutin sagt, das tut mir nicht gut, wenn ich mich da so reinsteigere.

Also, was das Einhorn angeht: das Vieh hieß Herta. Hätt uns schon eine Warnung sein sollen, weil einfach nichts Gutes dabei rauskommen kann, wenn ein Einhorn Herta heißt. Und es hätt uns auch was sagen sollen, dass sie schon beim Erstgespräch ihre Kippen dauernd an Fast-Nimmer-Johnnys Holzbein ausgedrückt hat. Herta, echt jetzt.

Aber gut. Normalerweise nehmen wir ja keine Passagiere auf, aber wir haben das Geld dringend gebraucht, sie hat hervorragend gezahlt** und wollte unbedingt in die Karibik umziehen. Weil angeblich das Wasser in ihrem Fjord nicht warm genug war, die Fische nicht interessant genug und die Nachbarn zu laut. (Ich hab nachgeforscht: die einzigen Nachbarn in einer Umgebung von fünfhundert Kilometern war eine Siedlung Florentinischer Flüsterelfen. Bei denen kann man aus dem Clan fliegen, wenn man ein Geräusch macht, das lauter ist als eine Eulendaune, die bei nebeligem Wetter aus einem halben Meter Höhe auf einen bemoosten Waldboden fällt. Herta hat von dem Lärm Kopfweh bekommen, hat sie gesagt.) 

Herta hätte die Strecke natürlich auch schwimmen können – immerhin ist sie ein Einhorn mit einem gigantischen Fischschwanz und lebt im Wasser, um Himmels willen – aber Seereise per Schiff schien ihr eleganter. Kann sie dann ihren Bekannten davon erzählen und alles. 

Wir waren alle skeptisch, aber der Käpten ist halt der Käpten, und wenn der sich was in den Kopf gesetzt hat… naja. Wir haben also an Deck eine riesige Badewanne installiert, in der das Vieh Platz hatte, und sind in See gestochen.

Also, wir haben es versucht, aber es hat drei Anläufe gebraucht, weil wir den Anker laut Herta zu unregelmäßig hochgezogen haben, und so kann sie ihr neues Leben ja kaum beginnen, oder?

Das ist eine Liste der Dinge, die Herta sonst noch so gestört haben:

  • Das Wasser in ihrer Wanne ist zu warm
  • Das Wasser ist zu kalt
  • Das Wasser macht ihre Zigarette nass
  • Es gibt kein Badeentchen
  • Das Badeentchen, das wir aufgetrieben haben, ist eben ein Entchen und kein Pferdchen
  • Das Meer ist zu blau
  • Fast-Nimmer-Johnnys Gang ist zu uneben, das macht sie nervös

(Lösungsvorschlag: ein zweites Holzbein, damit’s gleichmäßiger wird)

  • Wir weigern uns, am Weg schnell Dänemark anzugreifen, weil sie dort mal in einem Restaurant schlechten Service bekommen hat
  • Wir weigern uns, wenigstens das Restaurant zu brandschatzen
  • Der Akzent der Gebrüder Rodriguez ist zu exotisch

(Lösungsvorschlag: sie dürfen in ihrer Gegenwart nur gestikulieren)

  • Black Molly trägt die Augenklappe auf der falschen Seite, Herta bevorzugt Rechtsträger
  • Die Segel machen ein unschönes Geräusch, wenn sie mit Wind in Berührung kommen
  • Wind insgesamt. Sollte man verbieten.
  • Möwen sowieso
  • Wenigstens einen kurzen Abstecher nach Dänemark könnten wir schon machen, um den Koch kielzuholen. Das nennt sich Service?!
  • Wieso ist das Wasser schon wieder zu warm?

Und das waren die ersten DREI STUNDEN der Reise. Unser Geisteszustand nach sechseinhalb Wochen von ungebremster, unablässiger Herta… er lässt sich schwer beschreiben. Alischa, gutartiger Kerl, der er ist, versuchte zuerst noch zu beschwichtigen. Immerhin hatten wir einen Beförderungsvertrag mit Herta; immerhin, wir waren alle abgebrühte Piraten, wir konnten sie doch einfach ignorieren; immerhin, zugegeben, Möwen mochte wirklich niemand… 

Irgendwann aber war die Stimmung an Bord so aufgeheizt, dass es nicht anders ging und wir das undenkbare taten: Wir drohten mit Meuterei***. Alischa wusste, dass der Bogen überspannt war. Er erklärte uns, dass er dennoch den Schutz eines Gastes als heilig ansah und unsere Forderungen nach Hertas Blut nicht erfüllen konnte. Stattdessen, versprach er, würde er mit ihr reden und sie zur Vernunft bringen.

Wir wissen ehrlich nicht, was sie während des Gesprächs zu ihm gesagt hat, weil wir in der Kapitänskajüte gewartet hatten. Wir vermuten, dass Herta einfach Herta war, denn nach etwa fünf Minuten kam er zurück, mit hochrotem Kopf und knapp an der Schnappatmung und gab den Befehl: “MACHT DIE KANONEN BEREIT! WIR SCHIESSEN DIE JETZT INS MEER!”

Der Plan gefiel uns allen gut, wir sahen uns dennoch gezwungen, ihn Alischa auszureden. Nicht wegen moralischer Bedenken, sondern weil Herta unmöglich in selbst unsere größte Kanone gepasst hätte. 

Stattdessen und – wie ich hinzufügen möchte – enormster Erleichterung kippten wir sie einfach samt Badewanne ins Meer. 

Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können, aber das verdammte Einhorn war darüber dermaßen empört, dass sie laut schimpfend die Verfolgung aufnahm. Es ist erstaunlich, was so ein Vieh an Tempo zulegen kann, wenn es nur wütend genug ist. Als sie fast aufgeholt hatte, legte sie den Kopf tiefer und rammte die Blutlüsterne Annie mit einem laut hörbaren ‚KLONK!”

Wir vermuten, dass ihr Plan war, ein Loch in unser Heck zu bohren und uns dann mit dem Wasserschaden allein zu lassen. Womit dann allerdings weder sie noch wir gerechnet hatten war, dass sie stattdessen mit der Hornspitze stecken blieb und sich auch mit größtem Geschimpfe nicht wieder befreien konnte.

Besser noch: weil ihr Kopf unter Wasser war, hörten wir sie zwar Fluchen, nicht aber, WAS sie da von sich gab. Gedämpft durch die Wellen klang es sogar recht harmonisch, fanden wir alle. Alischa tauschte einen Blick mit mir – in wichtigen Situationen hört er doch auf meinen Rat – und ich nickte leicht. Damit wendete er sich strahlend an die Crew und brüllte: “Setzt die Segel! Volle Fahrt voraus!”

Und so kam es, dass wir den gesamten restlichen Weg nach Tortuga ein zuerst laut zeterndes, aber nach und nach immer stiller werdendes Nörgelndes Norwegisches Wassereinhorn hinter uns herschleppten. Als wir endlich im Hafen einliefen, lies sich Black Molly an einem Seil und mit einer kleinen Handsäge bewaffnet zu ihr hinter, um sie zu befreien. Herta war nachgerade kleinlaut, wagte nur minimale Kritik an Mollys Sägetechnik und machte sich dann schleunigst und unter dem Jubel der Besatzung aus dem Staub.

Während ich diese Zeilen schreibe, feiert Alischa gerade mit den anderen oben an Deck unsere finanzielle Wiederherstellung. Ich hingegen sitze hier, genieße ein Gläschen Rum und die Aussicht auf etwas ruhigere Zeiten in den kommenden Monaten. Ich hab Alischa nämlich vorhin doch gefragt: Laut ihm zeigt die Schatzkarte, die uns das alles eingebrockt hat, nur den Weg zu einem besonders idyllischen Fleckchen im Südpazifik. Keine Ahnung, warum er unbedingt einen Korallengarten besuche will, aber – wieviel Stress kann das schon werden?”







*Erhältlich in unserem Museumsshop, direkt neben den Streitäxten. Unsere Mitarbeiterin Fräulein Elenora Niedermaier berät sie gerne. 

**In der Tat scheinen NNWs in der Regel sehr wohlhabend zu sein, was vor allem an ihrer fast ans übernatürliche grenzenden Fähigkeit zu liegen scheint, bei jeder Gelegenheit durch beständiges Nöhlen Rabatte herauszuschlagen

*** Dieser ersten Gelegenheit sollten noch ein paar weitere folgen, in der Alischas Crew aus reiner Notwehr diese Drohung aussprach. Durchgezogen haben sie es aber nie. 

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3 Antworten zu Von einem Museum, einem Piraten und großem Dank

  1. Mountfright schreibt:

    Ich danke Dir. Deine täglichen Geschichten und unsere Lagerfeuer waren ein so großer Lichtblick. :-*

  2. Mountfright schreibt:

    Hat dies auf schreckenbergschreibt rebloggt und kommentierte:
    Zum Abschluss der Quarantänegeschichten schenkt uns Sarah ein Crossover – Alischa kommt noch einmal vor, das Museum und das Lexikon und natürlich auch ein Fräulein Niedermaier. Danke Beste. Ich habe mich jeden Tag auf unsere Lagerfeuer gefreut. ❤

  3. Flocke schreibt:

    Dem kann ich mich nur voll und ganz anschließen, meine Liebe. Ich habe deine Geschichten sehr genossen und mich jeden Abend darauf gefreut. Schade, dass es vorbei ist… (mit einem lachenden und einem weinenden Auge ausgesprochen)
    Aber jetzt gibts hoffentlich wieder Geschichten von Ich und Es und Über-Ich… 🙂 Und dem Aquarium… und den Katzen… 🙂

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