Bei uns im Treppenhaus gibt es ein bemaltes Fenster mit Blumen und Schnörkeln, aber schon lang vor meiner Zeit sind teile herausgebrochen. Jetzt soll es renoviert werden, ein kleines Schild bittet Bewohner um Mithilfe, falls sie alte Fotos oder Scherben haben.

Und ich stand heute fünf Minuten davor, von einer ganz eigenartigen Dankbarkeit erfüllt, dass es jemand wert findet, so ein kleines schönes Ding wieder heil zu machen.

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Wenn ich tagsüber laufen gehe, habe ich eine fixe Route – nachts weniger, weil die Stadt mich zu sehr anzieht, die geheimnisvollen Winkel, die im Licht der Straßenlaternen so ganz anders, so viel tiefer sind als bei Sonnenlicht. Nachts mäandere ich viel mehr, bleibe mal hier eine Weile vor einer Fassade mit tanzenden Bären stehen, atme dort tief ein, weil der Jasmin in einem Innenhof blüht. Beobachte alte Häuser, als wären es lebende Kreaturen, die sich jeden Moment im Schlaf regen können. Und gerade Wien ist so reich an seltsamen Funden, und mein Bezirk ganz besonders.

Heute war es ein Laden in einem alten Haus, durch die Schaufenster späht man in einen ein Dschungel aus Blüten, so dicht und üppig und überbordend, dass es an die Seele rührt. Und erst auf den zweiten Blick wird mir klar, dass um die Jahreszeit ganz sicher kein Flieder blüht, sicher kein Mohn, und dass jede einzelne Blüte aus Plastik und Seide ist, ein steriles Schaubild von Leben. Und dennoch bleibe ich stehen, dennoch meine ich fast, die Blumen riechen zu können, weil die Illusion so perfekt ist, zumindest jetzt in der Dunkelheit. Morgen wird es anders aussehen, aber ich werde mich auch hüten, tagsüber in die Nähe dieses Hauses zu kommen. Ich will mir den Nachtdschungel bewahren.

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Schlafparalyse, die vierte

Heute wieder mal eine von diesen reizenden Schlafparalyse-Episoden, die vierte bisher, denke ich. Die Halluzination bestand dieses Mal daraus, dass ein evil twin meines besten Freundes an meiner Bettkante saß und mit sanftem, bösartigem Ton auf mich eingeredet hat. Ich hab sein Gesicht dabei nie gesehen, weil ich den Kopf nicht drehen konnte, und hin und wieder ist er kurz verschwunden, hat geflackert wie eine Kerzenflamme. Das wirklich Fiese an der ganzen Sache find ich, dass mein Hirn dieses Mal jemand für mich durch und durch Positives (also, besagten besten Freund) gegen mich verwendet hat, was es natürlich wesentlich gruseliger macht, als wenn’s irgendeine unbekannte Geistererscheinung wäre.

Immerhin weiß ich mittlerweile auf der Stelle, was passiert. Macht das Gefühl von abgrundtiefer Bedrohung nicht wesentlich besser und ich hab mir beim Versuch, mich aus der Starre freizukämpfen, ziemlich glorios den Rücken verspannt. (Hallo, mein Freund, der Spannungskopfschmerz!) Aber immerhin gibt es einen kleinen Teil von mir, der das ganze währenddessen mit wissenschaftlichem Interesse beobachten kann und denken: „Na, immerhin is a gute Gschicht.“

Und wenn mich jetzt wer sucht – ich geh mit dem echten, nicht-flackrigen Razor ins Museum. Abend zusammen.

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Von Vorträgen und deutschen Liedchen

In einer gesünderen, vernünftigeren Welt würd ich ja wirklich nur über Pudding und Frühling und ähnliche Erfreulichkeiten schreiben. Nur: die Welt ist momentan eher ziemlich gaga.

Point in Case:
http://derstandard.at/2000053937689/Wirbel-um-Abbruch-von-Vortrag-an-Linzer-Schule-nach-FPOe

Kurzzusammenfassung: in einer Linzer Schule hält ein Experte einen Vortrag über Extremismus. Die FPÖ und Burschenschaften werden erwähnt. Sohn eines FPÖ-Nationalratsabgeordneten sitzt im Publikum, informiert seinen Herrn Papa. Der Herr Papa ruft bei der Schule an, macht Zoff, der Vortrag/die Diskussion wird abgebrochen.

Begründung?

„Es sei unter dem Titel Extremismus immer nur um die „Gefahr von rechts“ gegangen. FPÖ, Burschenschaften, Orbán, Trump oder AfD hätten aber alle mit Extremismus nichts zu tun, so Haider.

Okay, ich erspare mir jetzt, da detailiert zu widersprechen – ich glaube, das ergibt sich dem halbwegs denkenden Menschen aus jedweder gesunden Zeitungslektüre von selbst. Über Herrn Haider reg ich mich da nicht einmal so sehr auf, das ist nur das, was wir mittlerweile von der FPÖ gewohnt sind. Die Partei zündelt und hetzt, was geht – aber wenn sie sich selber angegriffen fühlen, dann sind sie die opferigsten aller Opfer. Und natürlich und gänzlich frei von jeder Schuld, moralisch jungfräulich, quasi, und mit rechtem Extremismus haben sie ja sowieso nichts zu tun. Eh.
Fast schlimmer noch finde ich das Verhalten des Direktors, der diesem Druck anscheinend nachgegeben hat. Wenn wir jetzt schon Angst machen lassen, den Mund verbieten, wo die Burschen nicht an der Macht sind – genau wie viel Widerstand haben sie zu erwarten, WENN sie jemals dorthin kommen? Dieser enorme Mangel an Rückgrat und Zivilcourage ist für mich persönlich hochgradig erschreckend.

Und was nun den Herrn Haider angeht, der einen Vortrag über Extremismus abbrechen lässt, weil die FPÖ mit Extremismus nichts zu tun hat… wollen wir vielleicht kurz einen Blick auf den guten Mann werfen?

https://www.meineabgeordneten.at/Abgeordnete/Roman.Haider

Besonders interessant find ich da seine stellvertretende Obmannschaft bei der Burschenschaft ‚Donauhort‘. Was ja an sich noch nicht aufregend wäre, früher oder später scheint es ja alle Blauen mal durch eine Burschenschaft zu schwemmen. Eine eigene Homepage hat der Donauhort nicht, aber bei ihrem Dachverband sind sie angeführt:

http://www.ldc-ooe.at/pcbdonauhort.html

Besonders bemerkenswert ist hier das aufgeführte Bundeslied: „Wenn alle untreu werden.“ Besser bekannt unter seinem späteren Namen, dem „Treuelied“. Als solches war es von des Führers Waffen-SS heiß geliebt und viel gesungen und galt als deren offizielle Hymne.

Also, wenn es ihm so dermaßen ein persönliches Anliegen ist, nicht mit Extremismus in Verbindung gebracht zu werden, dann wär’s vielleicht eine Idee,  auf das Trällern von Liedchen mit extremer Nazi-Konnotation zu verzichten? Also, nur so als Vorschlag?

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Pudding.

Wisst ihr, was das Problem damit ist, wenn man lernt, Pudding aus den Grundzutaten zu machen, ohne Pulver?

ALLES sieht plötzlich wie potentieller Pudding aus.


(Diese Servicemitteilung kommt von der Frau, die gerade Bananen-Chai-Pudding zum Nachtisch hatte und nichts, absolut nichts bereut.)

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Pflanzenliebe

Als ich klein war, gab es nicht weit von unserem Haus eine Gärtnerei, die einer alten Dame gehörte. Ich bin im Sommer oft dort aufgetaucht, mein Handwägelchen im Schlepptau, und habe mit meinem Taschengeldreichtum groß eingekauft: Strohblumen und Gerbera, Salatsetzlinge und jungen Kohlrabi, Vergissmeinnicht in rauen Mengen. Danach bin ich Stunde um Stunde im Garten gestanden, hab gebuddelt und gegossen und dann aufmerksam neben dem Beet drauf gewartet, dass das große Wachsen anfängt.

Die alte Dame war immer ganz entzückt, wenn sie uns Kinder gesehen hat – ihre erwachsenen Töchter haben hingegen ein wenig gequält dreingeschaut. Ich hab das als Kind nicht verstanden, sondern erst Jahre später, als ich mal durchgerechnet hab, wie viel Taschengeld ich hatte – und welchen Gegenwert an Grün ich dafür heimeschleppt hab. Die Töchter wussten einfach, dass ihre Mutter der eifrig herandackelnden Mini-Gärtnerin für ein paar Schilling einen halben Garten schenken würde, wieder und wieder, einfach, weil sie Kinder mochte.

Die alte Dame ist lange tot, die Gärtnerei gibt es nicht mehr und ich weiß nicht einmal noch einen Namen. Aber hin und wieder, wenn ich gerade eine Pflanzenlampe installier, einen Bonsai beschneide, wenn ich die Finger in frische Erde grabe und der Geruch mich glücklich macht – dann denk ich an sie, und bin ihr dankbar.

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Von Kelp und Kochbananen

Ich habe das Gefühl, je älter ich werde, desto stärker spüre ich die Jahreszeiten. Auf der einen Seite ist es jedes Jahr ein gröberer Kampf, damit sich die Winterdüsternis nicht in meinen Knochen einnisten kann* – aber genau so real ist halt auch die Frühlingsneugier. Dieser Moment, wenn ich eines morgens aufwache, draußen ist das Licht golden und ich weiß einfach, dass ich heute irgendetwas neues ausprobieren werde. Ich weiß noch nicht, WAS ich ausprobieren werd, aber irgendwas wird schon daherkommen.

Und so kam es also, dass ich gestern in der Badewanne gelegen bin, mit einem Buch über Geschmacksrichtungen und deren historische Hintergründe** und plötzlich völlig klar war, dass ich auf der Stelle Kombu Dashi machen muss. Ich hatte noch nie vorher das Bedürfnis, plötzlich aufzuspringen und zu deklarieren: „Wahrlich, welchen Sinn hat das Leben, wenn ich nicht auf der Stelle einen japanischen Kelpsud aufsetzen kann, dessen chemische Zusammensetzung Anfang des zwanzigsten Jahrhunders zum ersten Mal wirklich untersucht worden ist und der auf Grund seines hohen MSG-Gehaltsdie Basis für einen Großen teil der vegetarischen japanischen Küche darstellt!“. Echt noch nie. Aber es ist halt Frühling, da passiert seltsames Zeug.

Keine zehn Minuten später (jetzt aus der Badewanne und noch sehr verstrubbelt) hatte ich herausgefunden, dass es keine zehn Gehminuten von mir entfernt tatsächlich einen kleinen Asiashop gibt. An dem ich sicher schon mehrmals vorbeigekommen sein muss, er liegt direkt an der Straßenbahnstrecke, die ich zwei- bis dreimal Wöchentlich zum Training nehmen. Nur bewusst AUFGEFALLEN*** ist er mir noch nie, und drin war ich erst recht nicht – ein übles Versäumnis, dass ob meiner plötzlichen Seetangbedürfnisse natürlich auf der Stelle korrigiert werden musste.

Und tatsächlich ist es ein Japanisch-Chinesischer Laden, allerdings nicht die Touristenversion vom Naschmarkt, sondern so ein kleines Loch in der Wand in einer Seitenstraße, wo sie ganze getrocknete Tintenfische anbieten und nur ein kleiner Teil von allem in einer sich mir erschließenden Sprache beschriftet ist. H
Wenn ich eh schon grad neugierig bin, dann ist es vielleicht eine suboptimale Idee, in einen Laden zu gehen, der lauter fremdes Zeugs enthält, dass ich nicht kenne und noch nie gekostet habe. Ich hab mich dann sehr zusammengerissen (glücklicherweise hatte ich nicht viel Zeit), und hab nur ein paar Kleinigkeiten mitgebracht, die ich noch dazu alle identifizieren kann:

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Und jetzt weicht in meiner Küche fröhlich Seetang ein, ich hab Inari-Sushi zum Frühstück gehabt und in ein paar Tagen probier ich nochmal, diesen absurd geilen afrikanischen Kochbananen-Tomaten-Eintopf nachzukonstruieren, den ich mal bei einer kamerunischen Bekannten gekostet hab. Und vor allem: in Hinkunft brauchen komplizierte Rezepte mit mysteriös klingenden Zutaten keinen Trip mehr bis zum Naschmarkt, sondern nur einen kleinen Spaziergang hier ums Eck.

Insgesamt: Leben gut, Sarah zufrieden. (Und satt.)

*Ich besitze mittlerweile drei Tageslichtlampen – deren effektivste aber mit abstand mein Tageslichtwecker ist, der schon dreißig Minuten vor der Weckzeit anfängt, langsam das Licht hochzufahren. Laut Studien sind wir in der früh viel, viel empfänglicher als Licht, es braucht viel weniger für wirkliche Stimmungsaufhellung. Und meine Güte, ich kann bestätigen: das Ding hilft, sowas von.

**“Eight Flavors: The Untold Story of American Cuisine“ von Sarah Lohman. Faszinierend und gerade im momentanen politischen Klima sehr zu empfehlen, weil fast jede Story damit beginnt, dass jemand seine Heimat verlässt, um sie anderswo zu finden

*** Zugegebenermaßen, mir fällt viel nicht auf, weil ich dazu neige, die meiste zeit ein winziges bisschen in Gedanken zu sein. Eine absolute Studie des Gegensatzes ist da beispielsweise Razors liebreizende Gattin, die wir intern gerne ‚Sherlock‘ nennen, weil ihr ALLES auffällt. Jedes Mal, wenn sie zu Besuch ist und ich mit ihr in meinem Viertel unterwegs war, erzählt sie mir nachher Sachen über den neunten Bezirk, die ich seit fünf Jahren nicht bemerkt hab. Das nächste Mal, wenn ich mich hier in Wien verlaufe, werd ich vermutlich sie in Leverkusen anrufen und fragen, wo ich grad bin. Die Frau ist faszinierend.

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