Vom Stiefelwunder und dem Lazafrosch

Ich suche jetzt schon seit anderthalb Jahren eine bestimmte Art von Stiefeln, seit mein letztes Paar den tragischen Tod der Materialermüdung gestorben ist.*  Combat Boots, im großen und ganzen, nur weniger klobig, dafür altmodischer und mit ein bisserl mehr Stil.  Die Art von Stiefeln eben, die Mary Poppins bei einem Amoklauf tragen würde.

Und irgendwie hats mich dabei, man verzeihe mir den Austrizismus, gherig gfeiglt. Im Schuhgeschäften haben sie mich sowieso nur groß angeschaut, die Dinger in Army Shops waren potthässlich und wenn ich im Internet bei etsy oder ebay mal was annähernd richtiges gefunden habe, dann waren sie garantiert schon verkauft, bevor ich auch nur: „Willhaben!“ quiken konnte.

Und dann hab ich getan, was ich längst hätte tun sollen, nämlich die in Kleidersachen kompetenteste aller kompetenten Personen gefragt, nämlich das grandiose Fräulein Brigitte.** Die ist unter anderem Ausstatterin und wenn die nicht weiß, wo man etwas bekommt, dann existiert die Info im Gesamtwissen der Menschheit einfach nicht.

Das hochverehrte Fräulein Schima schickte mich zum Jotex, einem weiteren Army-Shop in der Lerchenfelderstraße: „Die haben da viel gebrauchtes Zeug, da könnte was dabei sein.“

Ich hab nicht wirklich daran geglaubt – zumal gebrauchte Militärstiefel selten in Damengrößen daherkommen – aber da ich grad in der Gegend war, hab ich halt heut einmal hineingeschaut. Und tatsächlich, im hintersten Eck des Ladens gibt es zwei große Regale voll mit Combat-Stiefeln verschiedenster Lädiertheitszustände. Die meisten riesige Trümmer, die maximal der Eferdinger Riese anziehen könnte, und ungefähr so schön wie derselbe, aber ganz unten war… das Paar.

Wenn Stiefe Münder hätten, dann hätten sie mich angelächelt wie ein stiefeliger Cherub

Wenn Stiefel Augen hätten, dann hätten sie mir zugezwinkert wie eine langjährige Konkubine.

Wenn Stiefel Dackelschwänzchen hätten, dann hätte es so sehr damit gewedelt, dass es sie vom Regal und direkt gegen die nächste Wand katapultiert hätte.

Der Besitzer des Ladens kam dazu, während eine strahlende Sarah die Dinger gerade anprobierte und fragte erstaunt: „Die Siebenunddreißiger? Die passen Ihnen?“

Ich: „Wunderbar. Einlagen werd ich noch reintun, aber sonst…“

Und nicht nur, dass sie mir perfekt passen, sie werden auch sicher nicht so schnell eingehen wie meine letzten. „Die sind schon vierzig Jahre alt und die halten noch hundert. Schauen sie, die sind handgearbeitet, genagelt und alles. Und das Leder ist grubengegerbt, das macht man heute gar nicht mehr, weils zu aufwändig ist***. Die kriegt nichts klein..“

„Hm“, mache ich und höre ihm nur mit halbem Ohr zu, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, die Schuhe anzuschmachten. Die Dinger sind doppelt so alt wie ich – die haben GESCHICHTE.

Ich: „Wieviel kosten sie?“

Er: „Zweiunddreißig Euro.“

Ich: „WAS?!“

Er zuckte mit den Schultern.

Er: „Ich suche schon ewig nach jemandem, der mir die abnimmt. Sie sind die Erste, denen sie passen.“

Und damit wahr meine Glückseligkeit perfekt. DIE STIEFEL HABEN AUF MICH GEWARTET!  Okay, es könnte auch sein, dass einfach sehr wenige Männer Schuhgröße 37 haben und bei Frauen beim Schuhshopping selten gebrauchte Militärstiefel ganz oben auf ihrer Prioritätenliste stehen. Aber mir gefällt der Gedanke viel besser, dass sie auf mich gewartet haben. Wie bei Cindarella.

Also, wie bei Cindarella, wenn wenn Cindarella sich nicht mit diesen Sissy-Glasschuhe abgegeben, sondern sich vierzigjährige, pechschwarze, grubengegerbte, handgefertigte, nur-zweiunddreißig-Euro-kostige Combat Boots besorgt und auf den Prinz gepfiffen hätte. Ähem.

Auf dem Heimweg renn ich zweimal fast gegen eine Wand, weil ich so verliebt auf meine Schuhe schaue.

Daheim aber wartet eine böse Überraschung für mich. Als Besitzer eines offenen Aquariums kann es einem hin und wieder passieren, dass ein Fisch einen auf Suizidal  macht und sich aus dem Becken stürzt, um dann mumifiziert aufgefunden zu werden.

Dieses mal hatte es aber einen von meinen zwei Kermits erwischt, den ich zuerst gar nicht erkannt hätte, weil er so in Staub eingehüllt war. Anscheinend ist er aus dem Becken gehupft, hat sich dann unter einem Schrank verkrochen, dort im Staub selber paniert, um dann einen letzten Ausbruchversuch in Richtung Vorzimmer zu unternehmen, wo er dann endgültig mit seinem kleinen froschigen Leben abgeschlossen hat.

„Mist“, denke ich: „war ja klar, dass die Stiefel zu viel Glück für einen Tag waren.“****

Allerdings schaut er so traurig aus, so völlig in Staub eingewuselt, dass ich es nicht über’s Herz bringe, ihn so zu entsorgen, und beschlieiße stattdessen, dass Kermit eine letzte Waschung zusteht. Also lege ich ihn sanft in eine Schüssel mit warmem Wasser und siehe da… in dem moment, indem es feucht um seinen kleinen froschigen Hintern wird, fängt er wie wild zu strampeln an. Entweder war nicht tot, sondern nur bewusstlos, oder der erste mir bekannte Fall von Frosch-Lazarusismus. Yay!

Das einzige Problem heute könnt sich daraus ergeben, dass mein kleines Brüderlein und ein paar von seinen Freunden heut nach einem Konzert bei mir übernachten – ich bin nicht ganz sicher, ob vier alkoholisierte männliche Jugendliche meiner Wohnung guttun werden.  Wir haben uns schon drauf geeinigt, wenn einer ins Aquarium speibt, dann ertränk ich ihn.

Aber wird alles werden. Kermit strampelt wieder fröhlich durch’s Becken, ich hab Mary-Poppins-goes-to-War-Stiefel und das Leben ist allgemein grandios.

*Aber nicht, bevor es ein gesundes Maß an mütterlichem Missfallen erregt hat, was ich als großen Bonus betrachtet habe.

**Wir erinnern uns an meine Apokalypse-Liste? Brigitte hat ungefähr fünf Minuten unserer Bekanntschaft gebraucht, um sich in die Top Ten zu katapultieren und nimmt dort bis zum heutigen Tag einen verdammt hochrangigen Rang ein. Ich hab die Frau einfach lieb.

***Wen’s interessiert, das bedeutet, dass man das Leder in eine Grube haut und dort nur mit natürlichen Gerbstoffen monatelang vor sich hingerben gelassen. Dadurch wird das Leder härter und haltbarer. Nicht zu verwechseln mit billig hergestelltem Leder aus Indien oder so, das drum so hart ist, weil es ausgetrocknet ist.

**** Ich bin quasi ein erzkatholischer Atheist – ich glaub zwar nicht an Gott, aber die ganze Schuldbewusstsein-und-zuviel-Glück-ist-verdächtig-Kiste hab ich manchmal besser drauf als der Papst.

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5 Antworten zu Vom Stiefelwunder und dem Lazafrosch

  1. Razorback schreibt:

    Was haben Wien und Zierikzee gemeinsam? Army Shops! Was fehlt mir hier? Genau…

    Und ich bin zwar oft in Zierikzee, aber ich habe mich noch nie in den Army-Shop getraut, weil ich denke, dass der eine oder andere Niederländer (wegen dieser dummen Sache vor 70 Jahren) es immer noch missbilligen könnte, eine dicken, stark kurzhaarigen Deutschen in verdächtiger Kleidung begeistert in Militärklamotten wühlen zu sehen. Und bevor ich dann anfange, die Unterschiede zu erklären…

    Wien aber sollte ich wohl mal besuchen. 😀

  2. sillysilentium schreibt:

    Beim momentanen politischen Lage in Wien kann es dir natürlich passieren, dass gewisse Leute einen stattlich-muskulösen, stark kurzharigen Deutschen in verdächtiger Kleidung begeistert in Militärklamotten wühlen sehen, aufschreien: „Endlich! Sie kehren wieder!“ und dich zum Bürgermeister wählen wollen.

    „Wien aber sollte ich wohl mal besuchen.“
    Ich hab erwähnt, dass ich eine Couch hab, oder? Eine fast unverschämt bequeme Couch ist das, du meine Güte. So dermaßen bequem, also, einfach unfassbar bequem, dass es einen davor fast gruseln könnte. Und über der Couch hängt ein Poster von The Ministry of Silly Walks*, wodurch man noch viiiiel besser schläft. Und wir haben, wie schon festgestellt, eben diese gewissen Armyshops.

    *Ist allerdings inkorrekt, auf die Couch bezogen. Silly sits, mostly.

  3. Brigitte schreibt:

    Ich bin gerührt. Und rot.
    Und ich gratuliere zum erfolgreichen Stiefelkauf – es würd mich ja interessieren, ob es ebendie sind, die ich vor einigen Jahren dort aus dem Haufen gezogen habe, mit denen ich 5 verliebte Minuten verbracht habe, nur um mir das Herz brechen zu lassen, weil ich, selbst wenn ich mir die Füße gebrochen hätt und einen auf böse Stiefschwester gemacht, nie im Leben reingepasst hätte…
    Ist das jetzt ein Ex-Exfrosch? Ich hasse es, wenn Lebenssituationen nicht schon von Monty Python vorbereitet sind. Da muss man sich dann immer selber was überlegen. Aber es freut mich für ihn, seine aquatischen Freunde und dich, auch wenn ich dich ab jetzt Sarah von Nazareth nennen muss. Oder Weinmair? Jessas na.

  4. Razorback schreibt:

    @Silly: Bürgermeister… hm… aber dann mache ich gar nicht die Politik, die die wollen und dann weinen die alle… obwohl – es gibt da die eine oder andere reizende historische Geschichte… aber lassen wir das. Ich will lieber nicht Euer Bürgermeister sein, sondern Beizeiten mal Tester dieses legendären Sofas. Das es offenbar unter dem nämlichen Poster steht, unter dem die Herrin und ich in unserer ersten verlotterten Studentenwohnung täglich dinierten soll mir ein zusätzlicher Anreiz sein!

    @Brigitte: Vielleicht geht es um eine ganz andere Monty Python Geschichte, und Silly wird per Kermits zur monopolistischen Produzenten von finest baby-frogs, dew-picked an flown in from… Vienna. 😀

  5. sillysilentium schreibt:

    Die Ex-Ex-Frosch Sache wirft erstaunliche fragen auf – wenn Kermit dann eines Tages (im hoffentlich biblisch hohen Alter) wieder versterben sollte, weil er beispielsweise einen Storch verägert, ist er dann ein Ex-Ex-Ex-Frosch? Oder ein Re-Ex-Frosch? Quasi ein Rex-Frosch?

    My froggie was quite re-laxed
    cause it hat been de-exed.
    Came a stork
    and ate the dork
    so froggie was now re-exed.

    Und so weiter uns so fort…

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