Von Ratten und Tomatensauce

Wenn a bisserle mehr zu tun ist, habe ich die fatale Tendenz, mich noch mehr zurückzuziehen als ohnehin schon. Dann passiert es schnell einmal, dass ich wochenlang außer mit meinem Co-Autoren und mit meiner Mutter (am Telefon) mit keinem Menschen mehr Kontakt habe als: „Das Wechselgeld können sie behalten.“
In den letzten Tagen hab ich mich dann mehrfach bei der Überlegung ertappt, mir ein paar Ratten zuzulegen und das nach eingehender Selbstbefragung auf den Wunsch zurückgeführt, abends nicht immer in eine leere Wohnung heimzukommen und dort Selbstgespräche zu führen. Als ich mich mich in der Buchhandlung mit einem Buch namens „Ratten für Anfänger“ an der Kassa wiederfand, hab ich beschlossen, dass es reicht.
Also hab ich einen alten Schulkollegen angerufen, von dem ich schon lang nichts mehr gehört hab, und gesagt: „Du. Samstag Abend. Ich koche. Und du redest mit mir.“
Er: „Wieso?“
Ich: „Damit ich mir keine Ratten kaufe.“
Damit müsste der Bedarf an direktem zwischenmenschlichem Kontakt für den nächsten Monat wieder gedeckt sein. Hoff ich. Sonst kommt man ja gar nicht mehr zum arbeiten.

Der Besuch kommt erst in einer Stunde, aber am Herd köchelt schon die Tomatensauce, weil es nun mal eine schwere Sünde, um nicht zu sagen: Abnomination ist, jemanden zum Essen einzuladen und die Tomatensauce weniger als eine Stunde köcheln zu lassen. „Aber Sarah!“, werden einige nun einwenden: „Man kann doch sicherlich auch in dreißig Minuten eine famose Tomatensauce kochen, nicht wahr? Es muss doch nicht gleich eine Stunde sein!“
Diesen jenen antworte ich: „Hinfort mit euch, Ketzer! Ja, wahrlich, vielleicht ist auch eine dreißig-minütige Tomatensaucierung noch halbwegs ausreichend, aber wohin wird der Pfad als nächstes führen? Zuerst nur die halbe Saucenköchelei, dann Fertigsauce aus dem untersten Supermarktregal und bevor ihr’s euch versteht, spuckt ihr euren Gästen schon auf den Teller und denkt euch nichts dabei!“ Wollja!
Falls es wen interessiert (nicht, dass ich das glaube, aber es sind schon seltsamere Dinge geschehen): als Nachtisch gibt es Kokos-Tapiokapudding mit Mandelsplittern und Lebkuchensauce.

Und ja, es ist mir völlig bewusst, wie gestört es ist, dass ich gerne koche. Ich meine, ich bin eigentlich ungefähr so häuslich wie Rambo an einem schlechten Tag. Als Kind hatte ich zwar Barbiepuppen, aber die haben sicher keine Minute in der Puppenküche verbracht, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, CIA- Ken zu verhören (mit sehr schlechtem russischen Akzent) oder sich im Himalaya-Basislager auf der Dachbodentreppe auf die Erstbesteigung vorzubereiten. Ich war lange Zeit der Meinung, dass das Schälen einer Banane schon das höchste der Gefühle darstellt, was man mir an Nahrungsmittelzubereitung zutrauen kann. Nachdem ich von zu Hause ausgezogen bin, hab ich dann notgedrungen Kochen gelernt – von wegen nicht verhungern und so – und zu meinem exzessiven Schrecken bemerkt, dass mir das liegt. Nicht für mich selbst – im Alltag neige ich sehr zur „Geh, ich muss jetzt schreiben, man reiche mir ein Marmeladenbrot!“-Ernährungsvariante. Aber bei anderen Leuten wird offensichtlich mein Oma’scher Fütterungsinstinkt wach und schreit mir ins Ohr: „Schau dir die an! Die Überleben die nächste Eiszeit doch NIE!“

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