Von Hühnersuppe und einem Credo

Hatte die letzten zwei Wochen Razor zu Besuch, zwecks gemeinsamer Recherche. Ich weiß jetzt so dermaßen viel über Historiker (immer) und Geheimagenten (im kalten Krieg), dass ich… nun, ein willkürliches Opfer mindestens einen dreiviertelstunde lang zuschwafeln könnte, wild mit den Händen gestikulierend und völlig ungeachtet der Tatsache, dass mein Gegenüber nur nach dem Weg gefragt hat. Also basically dasselbe, was ich mit jedem Thema mache. Ahem.

Razor dann heute morgen zum Flughafen gebracht, jetzt sitz ich alleine in der Wohnung, Koche Hühnersuppe und denk über den forcierten Verlust von Kulturtechniken nach. Hängt alles miteinander zusammen, ehrlich.
Also, aus der Flughafenbringung ergibt sich, dass gestern Razors letzter Abend in Wien war. Und was tut man, wenn man seinen besten Freund erst in sechs Wochen wieder sieht und außerdem zu den Leuten gehört, die Zuneigung durch Füttern ausdrücken? Exakt: man kocht Hühnchen Umami*, weil wenig wenig so sehr sagt „Oh, wie erfreulich war dein Rechercheaufenthalt, sei so gut und mir weiter in Freundschaft verbunden!“ wie Hühnchen Umami.

Und dazu wiederum war ich im Supermarkt, Hühnchen kaufen (Freiland, bio, weil eh schon wissen). Hatte zuerst die Keulen in der Hand – etwa gewesen Euro für zwei Stück, für zwei Personen etwas zu wenig. Hab erwogen, noch eine Brust dazuzunehmen, das wären nochmal acht Euro fünfzig gewesen. Insgesamt also sechzehn fünfzig.
Und hab DANN gesehen, dass ich – vom selben Hersteller, selbe Qualität – auch gleich ein ganzes Huhn kaufen könnte. Also ein Viech, dass über alle oben genannten Teile verfügt, PLUS Flügel und PLUS eine Carkasse, aus der sich trefflich Hühnersuppe kochen lässt. Und zwar um vierzehn fünfzehn Euro.
Also, ein Stückchen mehr Huhn um zwei Euro weniger, einfach dafür, dass ich willens war, es selbst zu zerlegen. Was jetzt nicht wirklich schwer ist, aber halt ein bisschen Übung erfordert und – sagen wir großzügig – zehn Minuten Zeit.

Und da komm ich jetzt zu meinem Gegrummel über Kulturtechniken – Kochen im konkreten Fall. Weil uns die Lebensmittelindustrie anscheinend wirklich schon so weit hat, dass das Fleisch selber kaum was kosten soll – wozu auch dem Leben eines Tieres Wert geben, wozu dafür zahlen, dass es vor seiner Begegnung mit meinem Suppentopf ein möglichst schönes Leben hatte – dafür aber für für jeden Handgriff weniger, den wir machen müssen. Dass wir die Knochen und Karkasse nur als Abfall wahrnehmen, nicht als Grundlage für eine weitere Mahlzeit, weil wir so etwas simples wie ‚Suppe kochen‘ verlernt haben.

Und DASS wir das verlernt haben, dass wiederum ist kein Zufall, sondern hat Geschichte und System. Einer der entscheidenden Wendepunkte war da beispielsweise das Ende des Zweiten Weltkrieges. Während des Krieges hatte sich eine eigene Industrie um Fertignahrung entwickelt. Logisch: wenn man an der Front sitzt und einem die deutsche Artillerie um die Ohren pfeift, da hat man vermutlich einen ganzen Haufen anderer Sorgen als die perfekte Zubereitung von Ente al Orange**, da kommt einem Dosensuppe grad recht.
Jetzt endet dieser Krieg aber erfreulicherweise irgendwann, die Nazis bekommen ihr Verdientes auf die Mütze – und all die hübschen Dosensuppenfabriken stehen herum und denken sich „Was mach ich nur, was mach ich nur?“
Und die Lösung ist einfach: „Wir reden den Konsumenten ein, dass sie uns trotzdem brauchen.“
Wenn ihr mal ein wenig Zeit habt – es ist wirklich faszinierend, sich mit den PR-Strategien zu beschäftigen, die die Industrie damals gefahren hat, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, wie unschick, wie uneffizient das Kochen doch ist. Dass es so viel einfacher, besser, gesünder geht. Dass nichts MODERNER und FORTSCHRITTLICHER ist, als sich die Hühnersuppe fürderhin in kleinen viereckigen Dingsis ins Haus zu holen, und schmecken tut’s eh genau so gut.
Und no na ned haben wir es geglaubt. Genau so, wie wir uns auch einreden haben lassen, dass Putenfleisch blütenweiß zu sein hat, weil das halt bei hochgezüchteten Massentierhaltungsviechern rauskommt***, oder dass die besten Äpfel die ungefähr fünf Kultursorten sind, die sich am besten transportieren lassen.****

Damit man mich nicht falsch versteht – ich gehör nicht (oder hoffe zumindest inbrünstig, dass ich es nicht tue) zu den weirden hipsterigen Foodsnobs, die auf jede arbeitende Mutter herunterschauen, weil sie abends einfach zu zerlegt ist, um für, für ihre Kinder etwas anderes zu machen als Päckchensuppe. Oder auf die alte Dame, der Kochen zu anstrengend geworden ist ob zittriger Hände, oder den Depressiven, für den Tiefkühlgerichte ein Segen sind, weil er nicht die Kraft hat, sich sonst was zu machen. Oder von mir aus nur den Studenten im Stress, der daheim nie gelernt hat, sich selbst was zu Kochen und sich trotzdem irgendwie ernähren muss. Das Leben ist kompliziert genug ohne solche Elitäre ‚Ich mach mir meinen fünfgängigen Avocadotoast, ich bin ein besserer Mensch‘-Scheiße.

Nein, worüber ich mich aufrege, ist das große industrielle Konzept dahinter. Darüber, dass es eine ganze Industrie gibt, der daran gelegen ist, dass wir eine unserer ältesten, heiligsten Kulturtechniken verlernen, damit wir von ihr abhängig sind. Damit wir alles fressen und schlucken, was sie uns vorsetzen, einfach, weil wir das Wissen nicht mehr haben, das unsere Vorfahren hatten.
Und das ist eine gewaltige Respektlosigkeit, gleich auf vielen Ebenen. Einer uralten Kunst gegenüber, die begonnen hat, als vor vielen Jahrtausenden das erste Mal jemand erkannt hat, was Feuer tun kann. Den Tieren und Pflanzen gegenüber, die für unsere Mahlzeiten sterben und denen wir – in einem fast ebenso alten Kontrakt – dafür verdammt noch einmal Respekt schulden, und Dankbarkeit. Und uns als Konsumenten selbst gegenüber, die man für dumm hält und dumm halten will. Und damit hab ich insgesamt ein Problem.

Okay, Tobsuchtsanfall Ende. Schließe hiermit noch mit einer Filmempfehlung – auf Netflix gibt’s gerade die großartige vierteilige Serie ‚Cooked‘, wo die Geschichte des Kochens anhand der vier Elemente erzählt wird. Wunderschön gefilmt, irre interessant, und am Ende hat man Hunger.

*ein exzellentes Rezept und Erfindung meines Vaters, nachdem er mal im Schiurlaub eine Doku gesehen hat. Involviert große Mengen an Oliven.

**Rat au Van hingegen ist, wie wir aus Blackadder wissen, eine ganz andere Sache.

*** Ich meid normalerweise Pute, grad, weil es eben ein so dermaßen qualgezüchtetes, hochantibiotikaisiertes Fleisch ist, hab dann aber neulich mal als Experiment ein wenig beim Bio-Bauern meines Vertrauens bestellt. Also Fleisch von einem Vieh, das Wiesen und Sonne gekannt hatte, das mehr als doppelt so lang leben darf als ’normale‘ Truthähne und das nicht auf auf maximalen Fleischgewinn gezüchtet worden ist. Und hab dann zum ersten Mal gesehen, wie die Natur so einen Truthahnhaxen in Wahrheit vorgesehen hat: nämlich dunkelrotes Muskelfleisch, tiefaromatisch.

**** die besten Äpfel, möchte ich im übrigen Anmerken, sind die Glasäpfel von einem winzigen Bäumchen in Vorarlberg, die schon braun zu werden beginnen, sobald man sie vom Baum pflückt. Die keine fünf Stunden in einer Obstschale überleben, aber die schmecken wie das Licht an einem kühlen Aprilmorgen.

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3 Antworten zu Von Hühnersuppe und einem Credo

  1. Mountfright schreibt:

    Danke. Ich komme wieder. Bald und gerne. 🙂

  2. Alexander T. schreibt:

    SO ! Keine 10 Minuten Blog lesen,lieber Hühnchen in Zitronensaft baden und sich bei Janus deprimieren das die vielen offenen fragen nie mit einer zweiten Staffel geklärt werden… Pösser ORF

  3. Eli schreibt:

    Das mit dem Kochen ist total richtig, meine Sozialökologen und Umweltökonomen wacheln zustimmend mit den Handflächen. Empfehle dazu Richard Wrangham: Catching Fire – How cooking made us human. London 2009.
    Bibliophil wie ich bin … deine Serie ist nach dem großartig hungrigmachenden Buch von Michael Pollen: Cooked – A natural history of transformation. London 2013. Hab‘ ich in den letzten Jahren schon 2x verschenkt 😉
    Meine Glasäpfel krieg‘ ich meist nicht vom Baum runter bevor die Ameisen sie aushöhlen, aber die schmecken so Klar und lecker wie deine Vorarlbergworte.

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