Von Pässen und Erwartungen

Ich war heut schon ausgesprochen erwachsen und mündiger-bürger-ig und hab einen neuen Pass beantragt. Das wirklich Faszinierende dabei sind natürlich die Passfotos nach den neuen Richtlinien, die von einer ganzen Expertenkomission nach modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen speziell dafür entworfen worden sind, die Eitlen Demut zu lehren. Und die, die ihr Spiegelbild unter besseren Bedingungen schon nicht so besonders lieben, in den Selbstmord zu treiben. Was dazu kommt, ist, dass sich der Elektrofachhändler, bei dem man bei uns im Ort die Passfotos machen lässt, einer, sagen wir mal, interessanten Ausleuchtungstechnik bedient. Folgllich hab ich jetzt auf meinem Passfoto eine Gesichtsfarbe, die ich in der Realität hoffentlich erst haben werd, wenn meine Eltern sich eines Tages über eine Bahre beugen und zum netten Polizeibeamten sagen: „Ja, das ist unsere Tochter.“ (Und bei meinem Glück fügen sie dann noch hinzu: „Warum musste sie auch diesen einen unanständigen Limerick erzählen, von dem sich Opus Dei, die japanische Mafia und Maria Fekter gleichzeitig beleidigt gefühlt haben! Und warum musste sie dann allen dreien erfolgreich entkommen, nur, um dann auf einer Bananeschale auszurutschen!“)

Wo war ich? Ah, genau, Passfotos. Abgesehen von der Axtmörderinnenoptik auf dem Foto hat mich irgendwie amüsiert, dass mein zwölfjähriges Ich schon genau so finster dreingeschaut hat, obwohl es die Finster-Dreinschau-Richtlinien noch gar nicht gab. Das war vielleicht ein ernstes, überkritisches Gör. Bin nur froh, dass keine Gefahr besteht, dem Mädel heute über den Weg zu laufen.

Klein-Ich: „Hey, Sarah!“

Ich: „Huh?“

Klein-Ich: „Ich bin aus der Vergangenheit gekommen, um unsere Fortschritte im Leben einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Damit ich weiß, was mir blüht und so.“

Ich: „Hä?“

Mein Klein-Ich zückt einen ordinären Schreibblock, denn die große Notitzblock-Erleuchtung hatte ich erst mit achtzehn.

Klein-Ich: „Also, schieß los: welchen hochintellektuellen, für das Wohl von Menschheit und Planet unerlässlichen und allgemein verdienstvollen Beruf haben wir gewählt? Mikrobiologie? Medizin?“

Ich: „Uhm…“

Kleing-Ich: „Ah, lass mich raten… wir sind in die Politik gegangen und auf halbem Weg zur Weltherrschaft, nicht wahr?“

Ich trete vorsichtig einen Schritt zurück, um aus der unmittelbaren Erwürge-Reichweite von Klein-Ich zu sein, bevor ich antworte.

Ich: „Naja, du erinnerst dich an dieses eine kleine Hobby, das wir da haben? Die Sache mit der Schreiberei?“

Klein-Ich: „Du meinst das kleine Hobby, das wir zwar sehr mögen, aber von dem wohl klar ist, dass man niemals vernünftig davon leben wird können und das in keinster Weise eine seriöse Alternative darststellt? Meinst du das?“

Ich: „Genau das.“

Kurzes Schweigen, während Klein-Ich grübelt, worauf ich wohl hinauswill. Dann fallen Groschen und Kinnlade.

Klein-Ich: „Geh, bitte. Ernsthaft?“

Ich: „Mh-hm.“

Klein-Ich: „Zumindest irgendwas Ordentliches? Tiefschürfende Literatur, die die größten Fragen der Menschheit behandelt und die Jahrtausende überdauern wird?“

Ich räuspere mich verlegen.

Ich:“ Drehbücher. Mit verhaltensgestörten Erzengeln und tödlichen Spitzendeckchen und unschuldigen Leguanen drin.“

Klein-Ich stöhnt gequält auf, was dann doch meinen Widerspruchsgeist weckt.

Ich: „Aber ich MAG die tödlichen Spitzendeckchen!“

Klein-Ich: „Klar. Und als nächstes sagst du mir auch noch, dass du… ich weiß nicht, in einem Anfall von verfrühter Midlife-Crisis ein riesiges Aquarium gekauft hast und jetzt mit lauter Fröschen zusammenlebst.“

Ich: „Es sind nur zwei Frösche, eigentlich.

Klein-Ich starrt mich mit einem Ausdruck größten Horrors an. Ihre Stimme zittert bei der nächsten Frage beinahe.

Klein-Ich: „Aber du hast nicht… bitte, sag mir, dass du in der Zwischenzeit nicht… du hast aber nicht angefangen, dass du herumläufst und die Leute MAGST, oder?“

Ich kratze mich verlegen am Hals und sage nichts. Klein-Ich wirft den Notitzblock auf den Boden, schreit: „Wir sind verdammt!“ und löst sich in einem Wölckchen Rauch auf.

Man kann halt nicht alle glücklich machen.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Von Pässen und Erwartungen

  1. Kathi schreibt:

    Seltsam, ich hab mir als Kind/junges Mädchen beim Ausmalen einer Konfrontation mit einem älteren Ich immer vorgestellt, dass die ältere Variante den vorwurfsvollen Part übernehmen würde, so nach dem Motto

    „Du hast damals schon den Grundstein gelegt für meine gescheiterte Existenz!“

    Ich war aber auch wirklich ein ziemlich unerträgliches Kind. (Wer nicht?)

    Mittlerweile würde das voll glimpflicher verlaufen. (Altersmilde?)

    „Es ist so ziemlich so gekommen, wie du befürchtet hast, aber stell dir vor, du findest es eigentlich gar nicht so schlecht“.

    Andererseits, der wirklich schwierige Teil steht ja immer erst bevor.

    • sillysilentium schreibt:

      Hm. Nö, ich glaub, im Zweifelsfall wär bei mir immer Klein-Ich der Ankläger. Das war ein fürchterlich suderantes Gör, das. Ganz abgesehen davon, dass ich ihr ja nichts vorzuwerfen hätte, weil ich ja die meiste Zeit ein großer Fan von meinem gegenwärtigen Leben bin.

  2. Razorback schreibt:

    23 Days later…

    Mir fällt beim Lesen ein, dass ich mir früher oft erträumt habe, ich hätte eine Zeitmaschine auf dem Dachboden und könnte mein Älteres Ich fragen, wie das alles ausgeht, mit der Schule, und der Schreiberei und ob die XY endlich mal merkt wie verdammt veschossen ich in sie bin, denn es kann ja wohl nicht angehen, dass ich der das SAGEN muss und ob meine Eltern irgendwann wieder normal werden und… und… und…

    Und heute wünsche ich mir manchmal, ich könnte durch die Zeit zu diesem schwer verstörten, pubertären Knaben reisen, ihm die Hand auf die Schulter legen, ihm tief in die Augen sehen und sagen: „Entspann Dich!“ Und dann, im Rausgehen, vielleicht noch über die Schulter rufen: „Und friss nicht so viel, nach der Pubertät!“

    • sillysilentium schreibt:

      Ah, ja, letzterer Hinweis… das kann ich nachfühlen. Ich würd mein früheres Selbst gern mit Nachdruck und einem Fußtritt drauf hinweisen, dass wir uns viel erspart hätten, wenn es schon mit zwölf mit dem Laufen angefangen hätte und nicht erst mit achtzehn. Und der wichtigste Hinweis wäre natürlich: „Mädel, in ein paar Jahren werden drei weitere Teile von Star Wars rauskommen… SCHAU DIR DIE BLOSS NICHT AN!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.