Von Semmeln und Kannibalen

Familienurlaub. Sollte ich nicht wiederkehren, oh Freunde, dann erben die Frösche alles.

„Sind wir bald daaa? Mir ist heiß! Wie lang dauert es noooch?“, schreie ich und alle im Auto schauen mich komisch an.  „Was? Irgendwer muss sich um das richtige Flair kümmern. Ich hab mir sogar einen Stichwortzettel geschrieben, damit ich keine essentielle Urlaubs-Rückbank-Äußerung vergesse.“

„Schon“, meint Bruder Jo: „Aber du könntest zumindest warten, bis wir  aus der Garage raus sind.“

Spielverderber. Ich stelle außerdem schnell fest, dass die Rückbank schon mal bequemer war. Beispielsweise, als da noch drei kleine Kinder saßen und nicht zwei stattliche, breitschultrige junge Männer und ihre… wohlgenährte… Schwester. Noch dazu bei Temperaturen, bei denen Satan heimlich unter dem Tisch durch Kataloge für Klimaanlagen blättert und überlegt, ob man so ein Ding nicht hinterm Fegefeuer installieren könnte.

Es war allerdings auch schon wesentlich unbequemer, beispielsweise, wenn auch noch unsere gnä Frau Großmutter mütterlicherseits an Bord war. Die Frau trägt nämlich bei 40 Grad im Schatten immer noch mehrere Mäntel, Röcke, Unterröcke, Stützstrümpfe und noch okkulteres übereinander und beschwert sich dann über Zugluft. Folglich ist es egal, wie heiß es im Auto ist, wer auch nur daran DENKT, ein Fenster aufzumachen, ist ein bösartiger Meuchler und höchstpersönlich auf ihren zugluftbedingten Tod aus. Das wäre ja noch nicht sooo schlimm, wenn selbige Großmutter nicht auch noch eine innige Liebe zum ‚Sura Käs‘ hegen würde, einer Käsespezialität, den die Vorarlberger schon seit Jahrhunderten in der biologischen Kriegsführung einsetzen. Und diesen Käse führt die Frau Großmutter nun gerne eingeschweißt in ihrer Handtasche als Proviant mit sich.

Muss ich noch weiterschreiben, liebe Freunde? Ein hitzeglühendes Auto auf der Autobahn, voll besetzt, absolutes Fenster-Aufmach-Verbot… und dann hörst du das Rascheln, mit dem die Folie um einen Klumpen Sura Käs aufgerissen wird und ein künstliches Gebiss, dass schon in Vorfreude zu klappern beginnt. Das. Ist. Horror.

Dieses Mal sind wir allerdings nur als Kernfamilie unterwegs – Eltern, Brüder, Sarah – und überleben die Fahrt daher ohne größere Zwischenfälle, wenn man von einem kurzen Schreiduell Mutter/GPS und dem Beinahe-Kannibalismus mal absieht. Das kam daher, dass der Reiseproviant zwar sehr größzügig auf der Schinken-und-Käse-Front sehr großzügig bemessen ist, aber im letzten Reisequartal eine absolute Brotverknappung herrscht. Folglich ist die letzte Semmel heiß umkämpft.

„Ja, so fängts an“, sagt Jo sinnend und kaut: „Zuerst Semmelklau und dann essen wir uns gegenseitig.“

„Wer ist zuerst dran?“, frag ich.

„Michi. Der sitzt in der Mitte“, sagt Jo.

„Okay. Seh ich ein“, sagt Michi.

„Hey“, ruft der Vater nach hinten: „Gibts eigentlich noch Semmeln?“

Kurzes Schweigen.

Jo: „Michi, gib dem Papa die Semmel.“

Er sagt es in dem Tonfall, in dem sich Napoleon wohl zu dieser unangenehmen Waterloo-Geschichte geäußert hätte.

Michi: „Wieso?“

Jo:  „Wir müssen ihn bei Kräften erhalten. Dem Fahrer isst man nämlich immer erst am Schluss.“

Eine unfehlbare Logik. Der Vater bekommt die Semmel.

Schließlich kommen wir dann aber doch an, völlig, ohne auf Kannibalismus zurückgreifen zu müssen.  Die nächsten paar Tage werden wir in Vorarlberg verbringen, im Elternhaus meiner Mutter – und dem mit abstand gruseligsten Gebäude des Planeten. Ein verfallenes Schloss im Schottischen Hochmoor, umgeben von einem Friedhof und mit hauseigener Folterkammer und gleich zwei kopflosen Weißen Damen ist nichts dagegen.

Ich würd zwar jetzt gerne von den Geistern am Dachboden (ziemlich sicher), den Skeletten im Garten (vermutet) und dem Kanister mit Lourdes-Weihnwasser in der Abstellkammer (bestätigt)  berichten, aber ich schreib hier grad an des Brüdnd erleins Laptop und die Tastatur tut seltsame Dinge. Sehr, sehr seltsame Dinge.  Weiteres also morgen. Dann erfahrt ihr auch,  ob ich die Nacht überlebt habe oder ob das Gespenst von Großtante Hilda aufgetaucht ist und mich mit einem Hühnchen verprügelt hat. Möglich ist alles.

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.